Senolyse auch bei Amyotrophen Lateralsklerose hilfreich

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Seneszenz ist genetisches Todesprogramm um „angeschlagene Individuen“ rascher wegzuputzen. Durch Senolyse kann man dieses biologische Absterbe-Tool unterbrechen und so die Vitalität von betroffenen Individuen erhalten. Erste Hinweise und eine klinische LANCET-Studie zeigen, dass dies auch fĂĽr die Amyotrophe Lateralsklerose hilfreich ist.

 

Seneszenz ist eine Ansteckung gesunder Zellen durch kranke

ich hab weidlich über die Grundlagen dieser völlig neuen Wissenschaft berichtet und auch erste persönliche Erfahrungen damit beschrieben, desswegen gehe ich nicht mehr auf das Thema Seneszenz bzw. Senolyse mit Erklärungen ein. Diese finden sie weidlich in zB folgenden Artikeln beschrieben:

 

Amyotrophe Lateralsklerose – Prionen-Krankheit

bei der ALS stecken sich die motorischen Nerven gegenseitig an, sie sterben ab und es kommt zu einer sich ausbreitenden irreversiblen Lähmung an der man schliesslich versterben kann.

Die Ursachen der ALS sind unbekannt, es gibt bisher auch noch keinen durchgreifenden akzeptierten pathophysiologischen Mechanismus, jedoch eine Menge von Korrelationen.

 

SOD1-Hypothese ist eher obsolet

Eine der Entstehungs-Thesen – angeblich fĂĽr 20% aller ALS Fälle verantwortlich – ist eine Fehlfaltung eines wichtigen antioxidativen Enzyms: SOD1. Diese Superoxid-Dismuthase = „Katalase“ eliminiert im Stoffwechsel anfallendes Peroxid in den Nervenzellen. Allerdings betrifft diese „Mutation“ ca 20% aller Menschen in Deutschland.

 

unlösliche Proteine reichern sich an – TDP-43

Neuerdings vermutet man eine Störung des Tropomyosin-receptor kinase fused gene (TFG) welches zum Anhäufen von unlöslichem Protein-Dreck aus α-Synuclein und TAR DNA-binding protein 43 (TDP-43) führt.

Dieser unlösliche Dreck liegt dann im Hirn und in den Nervenzellen rum und vergiftet dann die Neuronen und lässt sie absterben.

Je nachdem wo das „Zentrum des Todes“ sitzt hab ich dann Parkinson, Alzheimer, Lewis-Körper Demenz oder Amyotrophe Lateralsklerose.

 

Störungen der Mikroglia

Mikroglia sind „StĂĽtz-Zellen“ im Hirn die aus eingefrorenen Makrophagen (Fresszellen) bestehen, also eigentlich Teil des Immunsystems.

Diese Fresszellen sollten Dreck eliminieren (Autophagie), funktionieren aber bei den neurodegenativen Krankheiten nicht richtig.

Hintergrund ist eine subtile „Gehirn-EntzĂĽndung“ unbekannter Ursache welche die Mikroglia mit-einbezieht, die dann – statt Dreck wegzuräumen – das „Feuer im Hirn“ noch anheizt. 

 

„Ansteckung“ der Neuronen erinnert doch sehr an SENESZENZ

seneszente Zellen verbreiten ihre „Krankheit“ und stecken die Umgebung an, die Nachbarzellen degenerieren ebenfalls. 

(c) Dr. Ilse Retzek, eigene Ă„pfel aus dem Garten – als „Sinnbild“ fĂĽr Seneszenz und deren Ausbreitung

 

bei meisten neurodegenerativen Krankheiten findet man SENESZENZ-Hinweise

hier ist eine ganz tolle Review von 2022 in der viele Studien zusammengefasst werden die sich mit neurologischen Erkrankungen und Seneszenz auseinandersetzen:

Hier liest man auch: 

…. Mikroglia weisen kĂĽrzere Telomere bei gealterten Ratten (30 Monate alt) und bei Menschen mit Demenz auf [56]. Zusätzlich erhöhte sich in einem Rattenmodell der vererbten Amyotrophie Lateralsklerose (ALS) die p16-Expression in der Mikroglia signifikant um das 2,6-fache Beginn der Krankheit und weiter um das 4,8-fache erhöht, wenn die Lähmung fortschritt [57], Es scheint also, dass sich seneszente Mikrogliazellen während des Alterns und bei neurodegenerativen Erkrankungen ansammeln könnten.

 

bei Amyotropher Lateralsklerose korrelieren seneszente periphere Lymphozyten mit KH-Verlauf

Studie 2023 (!!): je mehr seneszente Immunzellen vorhanden sind, desto schlechter/schneller der Krankheitsverlauf bei Amyotropher Lateralsklerose.

 

in einem ALS-Maus-Modell reagieren die seneszenten ALS-Neuronen auf die Dasatinib-Senolyse

Studie 2022: in einem der Maus-Modelle fĂĽr Amyotrophe Lateralsklerose kann man eine hohe Anreicherung von Seneszenz-Markern in den ALS-Neuronen finden. Diese reagieren auf eine der Dasatinib-basierten Senolysen.

Bemerkenswert: auf der Seite 5 dieser Studie findet man, dass Zell-Seneszenz die Funktion von TDP-43 blockiert, was wir ganz oben als einen der neu entdeckten Massgeblichen Faktoren bei Amyotropher Lateralsklerose beschrieben haben.

Im Diskussions-Teil dieser Studie auf Seite 7 wird recht umfassend auf die neuesten ALS-Forschungs-Ergebnisse eingegangen, ist komplex und sehr lehrreich:

  • Ă–strogen als modulierender Faktor welcher Erklärt wieso viel mehr Männer als Frauen ALS haben und der Krankheitsverlauf bei den Männern viel schneller abläuft.
  • CFS (zB Filgrastim) aktiviert die Mikroglia und damit die Neuro-Inflammation. Kann also bei diesen neurologischen Krankheiten nicht als Stammzell-Induktor verwendet werden
  • TNF-Alpha ist ein hochaktiver ALS-Modulator, desswegen sind TNF-Antagonisten wie zB Curcumin hilfreich
  • Navitoclax als Senolytic hatte keinen Effekt auf die Ăśberlebenszeit der Neuronen, jedoch Dasatinib/Quercetin wobei letztere in dieser Studie deutlich zu kurz kamen, die Studie war klar auf Navitoclax ausgelegt, ich vermute, dass hier eine Folgestudie nachgeschoben wird und die Daten noch zurĂĽckgehalten wurden.

 

Phase 1 klinische Studie mit Bosutinib zeigte positive Ergebnisse bei ALS

Bosutinib ist wie das Senolytikum Dasatinib ein zugelassenes onkologisches Medikament (Kinase-Inhibitor) bei chronisch myeloischer Leukämie. Ähnlicher Wirkmechanismus.

In einer Phase 1 Studie (hier gehts um Dosierung und Verträglichkeit) wurde Bosutinib bei 9 ALS-Patienten angewendet in der Dosierung 100-400mg. Bis zur Dosierung von 300mg gab es keine ernsteren Nebenwirkungen, bei 400mg mussten aber alle Probanten abbrechen. 

Hier ist das studienlayout 2019 publiziert

Und hier dann die Veröffentlichung im LANCET

Safety and tolerability of bosutinib in patients with
amyotrophic lateral sclerosis (iDReAM study): A multicentre,
open-label, dose-escalation phase 1 trial

www.thelancet.com Vol 53 November, 2022

Studienergebnis vorerst Phänomenal

5 der 9 Patienten hatten keine Symptomen-Verschlechterungen während der 3 monatigen Studien-Phase, sehr wohl aber vorher in der 3 Monatigen Vor-Beobachtungs-Phase

d.h. wir sehen ein 60% Ansprechen auf Bosutinib mit einer Symptomen-Stabilisierung während der 3 Monatigen TREATMENT Phase. Die Patienten erhielten die Senolyse täglich.

 

Patienten mit einer niedrigen NEUROFILAMENT-Spiegel im Blut haben gut angesprochen (blaue Linie oben), Patienten mit hohem Neurofilament haben nicht angesprochen (rote Linie), sowohl mit 100mg Tagesdosis wie auch mit 300mg Tagesdosis. 

Die Messung des ALSFRS erfolgt mittels Griff-Kraft-Messung sowie PEF-Atemtests.

 

Fazit

Angesichts der doch immer deutlicher werdenden Studienlandschaft und der positiven Phase 1 Studie mit Bosutinib und der bisherigen Aussichtslosigkeit aller vorhandenen Leitlinien-Therapien legen nahe, dass wir bei dem Verlauf dieser bösen Erkrankung einen entsprechenden individuellen Heilversuch mit offlabel Anwendung von Senolytika durchführen sollten.

Dr.med. Helmut B Retzek
Dr.med. Helmut B Retzekhttp://www.retzek.at
Arzt für Allgemeinmedizin, multiple präventivmedizinische, schulmedizinische und komplementäre Zusatzausbildungen. Wissenschaftliche Arbeit und Forschungs-Beiträge. Zahlreiche Artikel und Vorträge.  Diese Website dokumentiert umfangreiche eigene Recherchen in der aktuellen medizinischen Forschung zum Zweck der Selbst-Weiterbildung und als Gedächtnis-Stütze. Mässige Legasthenie, daher Rechtschreib- und Beistrichfehler, bitte nicht kommentieren, wer es nicht aushält bitte einfach nicht lesen
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