Rajan Sankaran und die Situational Materia Medica – eine Einf√ľhrung, Teil 3; AHZ; 239; 5/94; 181

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Rajan Sankaran und die Situational Materia Medica – eine Einf√ľhrung
Teil III Praktisches Vorgehen zum Verstehen der zentralen Störung
H. Retzek

publiziert unter: Rajan Sankaran und die Situational Materia Medica – eine Einf√ľhrung, Teil 3; AHZ; 239; 5/94; 181

In der vorliegenden Artikelserie wird versucht, ein k√ľrzlich entwickeltes theoretisch-philosophisches Konzept des Krankheits & Arzneimittelverst√§ndnisses, die Situational Materia Medica (SMM), wie sie von Rajan Sankaran formuliert wurde, transparent zu machen.

In diesem Abschnitt soll der Zugang zum „Gem√ľtszustand“ einer Arznei und des Patienten pr√§sentiert werden.

 

In the following series of articles I will try to provide some insights into the Situational Materia Medica (SMM), a theoretical-philosophical concept of understanding disease & remedies, as was developed recently by Rajan Sankaran.

This part tries to present a way to get insight in the „state of disposition“ of a remedy as well as a patient.

 

 

In den ersten beiden Teil wurde ausf√ľhrlich begr√ľndet, wieso der Gem√ľtszustand des Patienten eine Schl√ľsselrolle bei der Mittelfindung einnehmen sollte. Rajans Verst√§ndnis zur Dynamik von Krankheit und Heilung wurde pr√§sentiert sowie Zitate von Hahnemann, die belegen, da√ü sich Rajans Vorstellungen in jedem Punkt auf Hahnemanns Vorgaben beziehen [1] .

Eine kurze Zusammenfassung soll der Erinnerung dienen
Homöopathische Arzneien können Рda immateriell Рnicht direkt auf den materiellen Organismus einwirken. Als Effektorsystem zur Somatisierung dient die PNEI-Achse [2] . Dysfunktion der PNEI-Achse wird als zentrale Störung bezeichnet und geht jeder Krankheit voraus. Abhängig von der Vitalität, den pathologischen Tendenzen und Organminderwertigkeiten eines Organismus manifestieren sich diese Störungen als (lokale) Krankheit.

W√§hrend einer Arzneimittelpr√ľfung (AMP) wird in jedem empf√§nglichen Pr√ľfer eine gleichartige funktionelle St√∂rung „induziert“. Deswegen sind Indikator-Symptome (siehe Tabelle 1) der PNEI-Achse in allen Pr√ľfern √§hnlich, w√§hrend lokale Symptome (Zahnweh, Fieberblase, Prostatitis, Gonarthritis …) auch von den Tendenzen der Pr√ľfer beeinflu√üt werden. W√ľrden Arzneimittel „vollst√§ndig“ gepr√ľft, w√§re schlie√ülich jedes Mittel in jeder Lokal-Rubrik vorhanden, w√§hrend jene Rubriken, die der zentralen St√∂rung der Arznei entsprechen, kaum erweitert w√ľrden. Daher sollte sich die Mittelwahl vorallem auf die Charakteristika der zentralen St√∂rung berufen. Hom√∂opathische Lokal-Therapie wirkt suppressiv und verschlechtert das zentrale Leiden.

Krankheit = Gem√ľtszustand des Patienten = Gem√ľtszustand des Arzneipr√ľfers = Gem√ľtszustand der Arznei [3] .

Der Gem√ľtszustand des Patienten entspricht dem der heilenden Arznei und und repr√§sentiert die wirkliche Krankheit – n√§hmlich die zentrale St√∂rung. Diese emprisch unbestrittene und bereits von Hahnemann gefundene Gleichsetzung wird von nun an nicht mehr hinterfragt und ist f√ľr das Verst√§ndnis der Theorien Dr. Sankarans unbedingte Voraussetzung.

Wie kann man sich einer Arznei n√§hern, wie l√§√üt sich das „theoretische Konzept“ des Gem√ľtszustandes praktisch anwenden, was ist in dieser Beziehung von einer Arznei bekannt und wie kann man den noch unbekannten Gem√ľtszustand des Patienten wirklich erfassen ?.

Der Gem√ľtszustand der Arznei
Es mu√ü sich dabei um etwas anderes handeln, als einfach nur die Geistes-Gem√ľts-Rubriken einer Arznei aufzulisten. Auch Hahnemann gebrauchte nie den Ausdruck Gem√ľts-Symptome, sondern immer nur Gem√ľts-Zustand, also eine aktuelle Befindlichkeit. Da wir von einer Arznei nur die Rubriken kennen, suchte Rajan eine praktikable Methode, um daraus den Zustand zu rekonstruieren.

„Essenzen“ schienen ihm nicht ausreichend, da sie mit einer einzigen prominente Eigenschaft als Zentrum alle weiteren Eigenheiten darauf zur√ľckzuf√ľhren versuchten und damit dieses Mittel viel zu sehr einengten und viele in einem Mittel enthaltene Symptome nicht schl√ľssig erkl√§ren konnten.

 

PNEI-Symptome (1, S.37/38)

1. Psychische Symptome

2. Allgemeines, u.a.

Modalitäten (z.B. Reaktion auf Temperatur, Lärm, Bewegung ..)

Veränderungen des Appetit und Durst-Verhaltens

Verlangen und Abneigung

Schlaf und Träume

Schweiß-Verhalten

Sexual-Funktion und Impulse, Menstruations-Charakter

3. Eigent√ľmliche und Charakteristische Symptome

4. Eigent√ľmlichkeiten der Lokalerkrankung (nicht-pathognomonische Symptome)

 

Besser schien sich das Mittel unter dem Gesichtspunkt von Komponenten (grundlegende Charakterz√ľge) verstehen zu lassen. Symptome einer Krankheit, sowie bestimmte Verhaltensweisen, die ja Ausdruck des Gem√ľtszustandes sind, w√§ren dann bestimmte Kombinationen dieser Komponenten. Komponenten sind immer als hochwertige PNEI-Symptome im Repertorium zu finden.

Wie ein Mittel charakterisieren
Eine Person kann z.B. durch ihr Temperament [4] beschrieben werden. „Er ist intelligent“ charakterisiert wohl niemanden ausreichend, aber die Kombination der Komponenten „intelligente, gehetzte Person mit mangelndem Selbstvertrauen, reizbar und furchtsam“ zeichnet einen Menschen recht genau.

Es ist die Kombination von grundlegenden PNEI-Symptomen (Komponenten) einer Person/Arznei, die diese charakterisiert. √Ąhnliche Arzneien k√∂nnen unter Hinzunahme weiterer Komponenten voneinander differenziert werden.

Zum Beispiel:

Erhöhtes sexuelles Verlangen z.B. Fluor.-ac., Lil.-tig., Hyos., Staph., Bufo.

Lilium tigrum

Dieses Mittel hat zwei weitere prominente Charakterz√ľge: Rastlosigkeit und Religiosit√§t. Diese 3 Komponenten sind also in AMPs prominent zum Vorschein gekommen und weisen auf den Arznei-induzierten Gem√ľtszustand der Pr√ľfer hin.

Wie m√ľ√üte nun der Gem√ľtszustand einer Person/Arznei beschaffen sein, der diese drei Komponenten in sich vereint ?

Synthese des Gem√ľtszustandes aus seinen Komponenten
Durch empathisches Einf√ľhlen sollte man versuchen, diese drei „Charakter-Eigenschaften“ (Hast, sex. Verlangen, religi√∂s) der Arznei zu einem schl√ľssigen – also lebensnahen Bild zusammenzusetzen.

Lilium tigrum ist sehr religi√∂s und empfindet daher das starke sexuelle Verlangen als etwas Unmoralisches das unterdr√ľckt werden mu√ü. Da dieses Mittel hastig ist, kann es sein Verlangen am leichtesten durch √ľbertriebene Gesch√§ftigkeit √ľberspielen.

Und wirklich findet sich im Repertorium die charakteristische Rubrik „Rastlos, mu√ü sich immer besch√§ftigen um sein sexuelles Verlangen zu unterdr√ľcken“, die das Bild, das aus den Komponenten synthetisiert wurde, best√§tigt.

Ableitung der Komponenten aus einem charakteristischen Symptom
Beim Versuch den aus Komponenten zusammengesetzten Ausdruck „Rastlos, mu√ü sich immer besch√§ftigen um sein sexuelles Verlangen zu unterdr√ľcken“ in seine Komponenten zu zerlegen, erh√§lt man unmittelbar einsichtig: rastlos und erh√∂htes sexuelles Verlangen.

Weiters: Tatendrang, flei√üig, Arbeit verbessert, ungeduldig, reizbar ….. Sollte der Gem√ľtszustand, den man aus dem zusammengesetzten Ausdruck „erf√ľhlt“ hat „stimmig“ sein, werden sich diese Komponenten sofort durch Nachbl√§ttern im Repertorium best√§tigen lassen.

Bei der Frage „Wann oder Wieso mu√ü jemand sein sex. Verlangen unterdr√ľcken ?“ wird man rasch auf die Antwort „starke Religiosit√§t !“ sto√üen, denn dies ist das offensichtlichste und stimmigste Bild, da√ü sich zur Kombination „Rastlos, … um sein sexuelles Verlangen zu unterdr√ľcken“ (in unserem Kulturkreis) aufdr√§ngt. Das Repertorium wird es best√§tigen, als Bewei√ü, da√ü der Gem√ľtszustand der Arznei richtig erfa√üt wurde [5] .

 

Acidum fluoricum

erh√∂htes sexuelles Verlangen, ehebrecherisch, Abneigung gegen Verantwortung, Gleichg√ľltigkeit gegen Gesch√§fte. Diese Rubriken zu einem Bild synthetisiert erh√§lt man: ein verheirateter Mann, der auf der Stra√üe steht und den vorbeigehenden Frauen nachstarrt.

Der Versuch dieses Bild in seine Komponenten zu zerlegen, ergibt (1, S103) erh√∂htes sexuelles Verlangen; Gleichg√ľltigkeit gegen√ľber geliebten Personen; Wahnvorstellung, mu√ü die Ehe aufl√∂sen; fr√∂hlich; heiter; l√ľstern; warmbl√ľtig; das Nachschlagen im im Repertorium best√§tigt, da√ü der Gem√ľtszustand richtig erfasst wurde.

Die Differenzierung von Staph., Hyos., Bufo siehe (1, S.103).

 

Alle diese Mittel haben eine gemeinsame Komponente: erh√∂htes sexuelles Verlangen, unterscheiden sich aber sehr in anderen. So erh√§lt jedes der Mittel durch Kombination grundlegender Charakterz√ľge sein charakteristisches „Temperament“, wobei die einzelnen Komponenten jedoch nicht „herausstehen“, sondern im Sinn eines lebensnahen Bildes miteinander verschmelzen um einen charakteristischen Gem√ľtszustand zu bilden.

Rajan vergleicht bildhaft mit einem Gericht, in dem verschiedene Gew√ľrze und Inhaltstoffe einen charakteristischen, einzigartigen und unverwechselbaren Geschmack ergeben. Das Weglassen oder die Zugabe einer weiteren wichtigen Komponente ver√§ndert den Geschmack vollkommen (1, S.117).

Um eine Person/Arznei zu beschreiben verwendet man bestimmte Attribute (intelligent, sehr reizbar, furchtsam …), wobei wichtig ist zu verstehen, da√ü jedes Mittel jede Eigenschaft in sich tr√§gt, jedoch in unterschiedlicher Auspr√§gung. Diese Parameter (Tabelle 2), mit denen eine Persone beschrieben wird, liegen irgendwo zwischen den Extremen von Gegensatzpaare (1, S104):

Charakteristische Symptome werden durch Kombination von Komponenten gebildet
Es wurde bereits gezeigt, da√ü sich charakteristische Symptome (Expressions) durch Kombination der Komponenten ergeben. „Mu√ü sich besch√§ftigen um sexuelle Bed√ľrfnisse zu unterdr√ľcken“ konnte in die Komponenten Hast, Religiosit√§t (Moralit√§t), Schuld, erh√∂htes sexuelles Bed√ľrfnis zerlegt werden.

Folgendes Beispiel soll diesen Gedanken weiter verdeutlichen. Ein f√ľr Natrium sulphuricum sehr charakteristisches Symptom: „Abscheu vor dem Leben, mu√ü sich zur√ľckhalten um sich nichts anzutun“ ben√∂tigt zur Existenz als Grundkomponenten Depression und Suicidale Neigung. Wieso findet sich nicht auch Aurum, das doch ebenfalls depressiv und suizidal sein kann, in dieser Rubrik. Was differentiert die beiden Arzneien ?

 

„Mu√ü sich zur√ľckhalten“ weist auf einen Gem√ľtszustand, der die gesamte Selbstkontrolle aufbringen mu√ü, um sich nichts anzutun. Der Patient wird depressiv, hat suicidale Impulse und f√ľrchtet sich davor.

Welcher Mensch w√ľrde so f√ľhlen ? Welche anderen Komponenten sind notwendig um einen derartigen Gem√ľtszustand zu formen ?

Sch√ľchtern, unentschlossen, furchtsam und mit sehr schwachem Willen. Das Repertorium best√§tigt wieder diese Theorie mit weiteren charakteristischen Symptomen: „erschie√üen, mu√ü sich beherrschen um sich nicht aus Lebens√ľberdru√ü zu“, „Leid anzutun, f√ľrchtet sich ein, wenn allein gelassen“.

Man w√ľrde also erwarten, da√ü Natrium sulfuricum einen schwachen Willen hat und ist sich durch die Erfahrung der obigen Beispiele schon sehr sicher, da√ü die „Ableitung“ der zugrundeliegenden Komponenten aus einem charakteristischen Symptom durch das Repertorium best√§tigt wird. Rajan fand im Kent das Mittel in keiner dieser Rubriken !!

PARAMETER

reizbar

mild

furchtsam

k√ľhn

traurig

heiter

scharfer Geist

stumpf

eilig

langsam

moralisch

unmoralisch

lustvoll

niedriges sexuelles Verlangen

√ľberm√ľtig

mangelndes Selbstvertrauen

fest, starr, entschlossen

unentschlossen

hypersensitiv

insensitive

Verlangen nach Gesellschaft

Abneigung gegen Gesellschaft

mitf√ľhlend

gleichg√ľltig

gutes Gedächtnis

schlechtes Gedächtnis

impulsive, gewaltätig

langsame Reaktion

geschwätzig

still

egoistisch

dem√ľtig

fleißig

faul

eifers√ľchtig

√ľberhaupt nicht eifers√ľchtig

eifrig

nicht ambitioniert

musikalisch

Abneigung gegen Musik

veränderlich

fixiert

Trost verbessert

Trost verschlechtert

√Ąngstl. um Gesundheit

Gleichg√ľltig um Gesundheit

theoretisieren, planen

Mangel an Vorstellungskraft

starker Wille

mangelnder Wille

hartköpfig

nachgebend

hinterhältig

Mangel an Listigkeit

weint leicht

weint nie

ausdrucksvoll

reserviert / geheimnisvoll

hellsichtig

Abwesenheit jeder Hellsichtigkeit

kindisch

fr√ľhreif

verlangen zu reisen

Abneigung zu reisen

verzweifelt

hoffnungsfroh, optimistisch

 

Das Wesen eines richtigen Modelles ist, da√ü sie vorhersagbare Ergebnisse produziert und durch Fakten best√§tigt und nicht widerlegt wird. Ist also die Methode des Aufschl√ľsselns charakteristischer Symptome in die Komponenten, um die Parameter des Gem√ľtszustandes zu erfassen, falsch ? Sollte ein so spezifischer Charakterzug wie „schwacher Wille“, ohne dem nach der vorgestellten Methode die oben angef√ľhrten charakteristischen Rubriken nicht zustandekommen d√ľrften, als PNEI-Symptom nicht in einer AMP prominent aufgetreten sein ?

Rajan war sich seiner Idee so sicher, da√ü er im Hering nachschlug um dort hervorgehoben zu finden: „extrem sch√ľchtern und √§ngstlich, Lebensmut verloren, Geist geschw√§cht“ !

Aurum wiederum ist in diesem Parameter gegenteilig ausgepr√§gt und zeigt die Komponente extrem starker Wille (angezeigt zB durch das Symptom „Delusion [6] , hat Pflicht vers√§umt und verdient Bestrafung“). Aurum w√ľrde sich die Frage stellen: „springe ich oder nicht“ und bei „ja“ einfach hinunterspringen.

„Single Symptom Rubriken“ repr√§sentieren charakteristische Kombinationen
Rubriken, die nur ein Mittel enthalten, in Komponenten zu zerlegen, erweist sich als sehr wertvoll, da sie oftmals eigene und recht charakteristische Kombinationen des Mittels anzeigen, die man in keinem anderen Mittel findet.

Acidum nitricum: „Ha√ü auf Personen die ihn beleidigt haben, unger√ľhrt durch Entschuldigungen“, als Single Symptom Rubrik sogar im 3ten Grad ! Durch Aufschl√ľsselung in die Komponenten versteht man das Mittel sofort besser:

„Ha√ü“, „leicht beleidigt“, „starr im Denken“, „hartn√§ckig, hartk√∂pfig“, „ver√§chtlich“, „Trost verschlimmert“ (das Repertorium best√§tigt wieder die Richtigkeit, mit der der Gef√ľhlszustand des Symptoms „Ha√ü …. unger√ľhrt …“ erfa√üt wurde)..

Re-Synthetisiert man diese Komponenten zu einem Gem√ľtszustand, k√∂nnte man durchaus auch Ha√ü auf Personen, die gar nicht beleidigt haben, oder Ha√ü auf bestimmte Dinge – so wie sie sind, Starre und Hartk√∂pfigkeit in ganz anderen Beziehungen, besonders in Gesundheitsfragen (da Acidum nitricum noch dazu starke Angst um die Gesundheit hat) „drin finden“.

Alles abgeleitet durch Analyse eines Single Symptoms, jedoch Рund das unterscheidet Rajans Technik von anderen Modellen Рbestätigt durch das Wiederfinden des Mittels in den entsprechenden Rubriken !

Unterscheidung von grundlegenden Parameter und Expressions [7]
Lassen wir Rajan zu Wort kommen (1, S.113): „Was ist kalt, hart und farblos ?“ – „Eis“ w√ľrden sie sofort antworten. W√ľrde ich sie fragen ob es nicht vielleicht ein Glas im K√ľhlschrank sein k√∂nnte, w√ľrden sie bald antworten: „es ist nicht ¬ībedingungslos¬ī kalt, nur im Eisschrank“. Die grundlegenden Komponente von Eis sind also: K√§lte (es ist auch kalt im hei√üen Raum), H√§rte, Farblosigkeit“. Damit erkennen wir:

 

1. grundlegende Komponenten sind „bedingungslos“, sie ver√§ndern sich nicht und k√∂nnen nicht erkl√§rt werden

2. Expressions beinhalten Bedingungen (wie die Kälte des Glases)

3. ein Objekt l√§√üt sich wesentlich leichter √ľber seine grundlegenden Komponenten als mittels Expressions identifizieren.

Expression
Die Expression ist also dadurch gekennzeichnet, da√ü ihr verschiedene Gef√ľhle bzw. Gem√ľtszust√§nde zugrundeliegen k√∂nnen, die nicht unmittelbar erfa√übar sind. Es handelt sich hierbei um Effekte von Komponenten, nicht die Komponente selbst. Ein Beispiel kl√§rt sofort wieder (1, S.110; aus Platzgr√ľnden stark gek√ľrzt):

Die Mittel der Rubrik „Leiden durch Erwartungsspannung“ haben vollkommen unterschiedliche Komponenten. Medorrhinum f√ľrchtet sich vor Ungl√ľck, Lycopodium mangelt es an Selbstvertrauen, Silicea ist sehr um sein Image besorgt, Ambra ist unglaublich verlegen und empfindet Peinlichkeiten √ľberstark, Psorinum – sehr dem Med. √§hnelnd – ist voller Verzweiflung, Barium-carbonicum f√ľhlt sich unf√§hig, Staphisagria hat extreme Verletzlichkeit.

Es ist daher ersichtlich, daß es zwei Arten von Psychischen Symptomen gibt:

 

1. Grundlegende Parameter: hastig, eifers√ľchtig, Furcht, √Ąrger; und ihre Kombinationen: „sagt Todesstunde vorraus“ (Furcht vor Tod, hellsichtig), „Verlangen nach Gesellschaft, die er dann r√ľde behandelt“ (Verlangen n. Gesellschaft, Reizbarkeit, streits√ľchtig).

2. Abgeleitete Ausdr√ľcke (Expressions): dieser Parameter oder deren Kombinationen, z.B. „Leiden durch Erwartungsspannung“, kein grundlegendes Gef√ľhl ausdr√ľckend, sondern ein allgemeiner Ausdruck verschiedenster zugrundeliegender Komponenten.

Das Vorgehen in der Praxis Рwie erhält man die Komponenten des Patienten
Jedesmal fragen „Warum existiert dieses Symptom“. Bekommt man eine Erkl√§rung, dann handelt es sich um eine Expression. Nat√ľrlich mu√ü man jetzt wieder die Erkl√§rung hinterfragen, wieder und wieder – bis man an den Punkt gelangen, an dem man keine ausreichende Erkl√§rung f√ľr die Existenz des Symptoms mehr bekommt – nun ist ein grundlegender Parameter der Person gefunden.

 

Ein Patient erz√§hlt, da√ü er gerne unter Leuten ist. Nun fragt man „warum ?“ . Antwortet der Patienter „ich weis nicht warum, ich hab Gesellschaft einfach gerne“ ist der grundlegende Parameter „Verlangen nach Gesellschaft“ erreicht.

 

Erf√§hrt man aber „weil ich mich alleine f√ľrchte“, wird wieder nach dem Grund gefragt. Die Antwort „weis nicht“ gibt den grundlegenden Parameter „Angst alleine zu sein“.

 

Er k√∂nnte aber auch sagen „Ich f√ľrchte mich alleine weil ich Angst habe einen Herzinfarkt zu bekommen und zu sterben“, dann w√§ren die grundlegenden Komponenten „Furcht vor drohender Krankheit“ gemeinsam mit „Furcht alleine zu sein“.

 

Grundlegende Komponenten sind meistens Pr√ľfungssymptome. Au√üer durch Pr√ľfung neuer Mittel w√ľrden diese Rubriken kaum erweitert werden.

Expressions sind oft klinische Symptome und diese Rubriken werden mit zunehmender klinischer Erfahrung erweitert. Es ist daher sicherer, vorallem mit grundlegenden Parameter zu arbeiten, die Ausdr√ľcke nur zur Best√§tigung einzusetzen.

Eifersucht ist ein grundlegender Parameter, der in den Arzneimittelpr√ľfungen auftaucht. Einer der davon abgeleiteten Ausdr√ľcke k√∂nnte Sarkasmus sein, ein Symptom, das in AMP kaum auftreten wird.

Mögliche Fallen
Vorsicht jedoch: Rubriken des Repertoriums enthalten Mittel, f√ľr die diese Rubrik ein grundlegender Parameter ist, als auch jene, f√ľr die die Rubrik ein abgeleiteter Ausdruck, eine Expression ist.

Eine weitere Falle: der Arzt tendiert dazu, verschiedene Expressions desselben grundlegenden Symptoms zur Mittelfindung einzusetzen und findet dann nat√ľrlich dieselbe Gruppe von Mittel, die durch diese Rubriken durchgehen. Die Mittel der Rubrik hellsichtig finden sich auch in anderen, mit diesem Zustand eintretenden Rubriken wie: geistig abwesend, Zeit vergeht zu langsam, Gef√ľhl der Dualit√§t, „Delusion, jemand geht neben/hinter ihm“ …. Es ist also wichtig, Komponenten aus anderen Bereichen zu finden.

Weitere Beispiele
Manche Kinder werfen, sobald sie einen Hund oder eine Katze sehen, dem Tier einen Stein nach. Zerlegt man dieses Verhalten in seine Komponenten finden sich:

Furcht vor Katzen oder Hunden; zerstörerisch; Impuls etwas zu werfen. Diese Kombination findet man nur in Tuberkulinum, das auch jedesmal bei diesen Kindern angezeigt war.

 

„Macht oft Witze √ľber jemand anderen“, dieses Symptom hat einige Komponenten: die Person ist witzig, schadenfroh, ein Element des Stolzes und Hochmuts mu√ü vorhanden sein, vielleicht Eifersucht, Lebhaftigkeit (vielleicht sogar Geschw√§tzigkeit), man mu√ü schnell sein, schnell handeln: klar wird Lachesis charakterisiert. Hyoscyamus ist eifers√ľchtig und schadenfroh aber nicht witzig oder schnell. Coffea ist eifers√ľchtig und witzig und handelt schnell, aber nicht schadenfroh.

Res√ľme
Vor der Zusammenfassung der wesentlichsten Punkte dieses Artikels scheint es angebracht, Dr. Sankaran selbst Problem „Psychische Symptome“ – „K√∂rperliche Symptome“ zu Wort kommen zu lassen [8] (1, S.101):

„Lokale Eigent√ľmlichkeiten, Allgemeinsymptome und Modalit√§ten charakterisieren die zentrale St√∂rung genauso wie die psychischen Symptome. Sie alle haben dieselbe Ursache, die weder geistig noch physisch ist, sondern tiefer liegt.

Psychischen Symptome produzieren zusammengenommen jedoch ein bestimmtes, f√ľr den Ge√ľbten leicht identifizierbares „Muster“, [das im Kontext einer bestimmten – jedoch in der aktuellen Realit√§t nicht vorhandenen – Situation durchaus angebracht und sinnvoll erscheint,] wohingegen die k√∂rperlichen Symptome „isoliert“, „einzeln“ erscheinen. Auch kann der Gem√ľtszustand auf vielf√§ltige Weise best√§tigt werden. Durch Tr√§ume, Hobbies, Erinnerungen usw., ja sogar die pure Beobachtung des Patienten, noch bevor er etwas erz√§hlt, hilft bereits, den Gem√ľtszustand besser zu verstehen.

Das Argument ist durchaus richtig, daß psychische Symptome, besonders in Patienten die sehr intellektualisieren, verwirrend sein können. In solchen Fällen wird man sich mehr an den körperlichen Symptomen orientieren.

In F√§llen mit manifester Pathologie ist aber der Gem√ľtszustand sicherlich „non-pathognomonisch“ und man mu√ü nicht erst – so wie bei den k√∂rperlichen -Symptomen – unterscheiden, welches Symptom erkl√§rt werden kann und welches nicht. Es h√§ngt letztendlich vom Arzt ab, womit er besser zurechtkommt, denn beides sind T√ľren ins selbe Haus. Man k√∂nnte auch sagen zwei Seiten derselben M√ľnze. Weise ist der, der beide Seiten betrachtet bevor er die M√ľnze identifiziert, egal von welcher Seite er urspr√ľnglich ausging.

Es geht keineswegs darum, sich nur auf den Geist zu konzentrieren. Um die k√∂rperlichen Symptome zu sammeln ben√∂tigt man vorallem Genauigkeit, den Gem√ľtszustand zu erfassen, erfordert jedoch ein besonderes Einf√ľhlungsverm√∂gen und Geschick, das sich mit der √úbung entwickeln.“

 

 

Rajans Credo: es gibt nur eine Wahrheit. Auf welchem Weg wir zu ihr finden ist vollkommen belanglos, wichtig ist nur, da√ü wir sie erkennen. „Yoga, Psychotherapie, Ayuveda, Hom√∂opathie usw. – es ist alles dasselbe“ [9]

 

 

In Rajans Buch finden sich immer wieder Beispiele aus seiner Praxis und ich m√∂chte mit zwei „geheilten“ F√§llen abschlie√üen, nicht ohne darauf hinzuweisen, da√ü in diesem Artikel ein erster, vielleicht der wichtigste Schritt zum Verst√§ndnis der Situationellen Materia Medica unternommen wurde:

 

1. Verhaltensweisen oder Symptome sind das Resultat eines Gem√ľtszustandes.

2. der Gem√ľtszustand entspricht am ehesten der eigentlichen Krankheit.

3. Symptome lassen sich in Grundkomponenten und Expressions einteilen. Das Wesen einer Grundkomponente ist ihre Bedingungslosigkeit.

4. Der Charakter eines Arzneimittels läßt sich am besten als charakteristische Kombination von Grundkomponenten erfassen.

5. Durch Analyse von charakteristischen Symptomen kann man rasch Einblick in die spezifische Konstellation der Komponenten eines Mittels erhalten.

6. Durch Synthese der wichtigsten Komponenten kann man den Gem√ľtszustand ergr√ľnden.

7. Beim Erheben einer Anamnese wird solange nach Begr√ľndung gefragt, bis man keine Erkl√§rung mehr bekommt. So erh√§lt man eine wichtige Grundkomponente der Pers√∂nlichkeit.

 

Der wichtigste Punkt, die „Delusion“, das Verst√§ndnis des Mittels als eine in einer bestimmten Situation notwendigen und richtigen Geistes- Gem√ľts-Haltung wird im n√§chsten ….. beschrieben

 

I. (1, S117) Ein 6jähriger Bub. Immer wenn er eine Schabe sieht, stampft er sie zu Brei.

Die Komponenten dieses Verhaltens:

1. Zerstörerisch

2. Gewalttätig

3. Impuls zu töten

4. Moralischem Empfinden, Mangel an

5. Furcht vor Tieren

– BELLADONNA

 

II. (1, S118) √Ąrgerlich beschwert sich eine Patienten: ‚ÄěAndere Leute sagen schlimme Dinge √ľber mich.“

Die Komponenten dieses Geist/Gem√ľtssymptoms:

1. Argwöhnisch, mißtrauisch

2. Wahnvorstellung, wird kritisiert

3. Wahnvorstellung, wird √ľberwacht

4. Streits√ľchtig

5. Geisteskrank

– HYOSCYAMUS

 

 

Literatur

1. Sankaran, R. The Spirit of Homeopathy (1991), Bombay, Eigenverlag

 

 

Anschrift des Autors:

Helmut Retzek (cand.med.), Gablenzgasse 17/25, A-1150 Wien

 

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[1] Zusammengefa√üt in Organon ¬ß213: ‚ÄěMan wird daher nie hom√∂opathisch heilen, wenn man nicht bei jedem, selbst akuten Krankheitsf√§llen, zugleich auf das Symptom der Geistes- und Gem√ľts-Ver√§nderungen sieht, und nicht jenes Mittel w√§hlt, …. das auch einen √§hnlichen Gem√ľths- oder Geistes-Zustand f√ľr sich zu erzeugen f√§hig ist.“

[2] Psyche, autonomes Nervensystem, endokrines und immunologisches System

[3] ‚Äěes gibt keinen kr√§ftigen Arzneistoff auf der Welt, welcher nicht den Gem√ľts- und Geisteszustand des ihn versuchenden, gesunden Menschen (d.h. in einer Arzneimittelpr√ľfung) sehr merkbar ver√§ndert, und zwar jede Arznei auf verschiedene Weise.“(Organon ¬ß212).

[4] das Lexikon definiert Temperament als „eine charakteristische Kombination von k√∂rperlichen, geistigen und moralischen Qualit√§ten die den Charakter einer Person ausmacht“.

[5] dies, da Komponenten (grundlegende Charakterz√ľge) bei sensitiven Arznei-Pr√ľfern als erstes auftreten, da sie unmittelbar aus der zentralen St√∂rung herr√ľhren und PNEI-Symptome sind. Daher sind diese „Komponenten“- Symptome (grundlegende Parameter) einer Arznei wahrscheinlich vollst√§ndig im Repertorium verzeichnet.

[6] dieser Begriff, in der lexikalischen √úbersetzung „T√§uschung, Wahnvorstellung“ in einer nicht dem Kontext entsprechende Richtung besetzt wird aus eben diesen Gr√ľnden im Orginal beibehalten

[7] der Autor fand keine den Kontext ausreichend wiedergebende Übersetzung und beläßt diese Definition im Orginal

[8] vom psychodynamischen Standpunkt ist der Richtungsstreit durchaus verst√§ndlich. Jede der Seiten hat Therapieversager der anderen Seite (was anzuzeigen scheint, da√ü die anderen „schlechte Hom√∂opathie“ machen), gleichzeitig hat jede Seite fantastische Erfolge (was anzuzeigen scheint, da√ü man selbst die „wahre Hom√∂opathie“ verfolgt). Da es weder Zahlen oder andere Vergleichsm√∂glichkeiten gibt noch jemals gegeben hat, besteht ausreichende Verunsicherung, um auf Toleranz und Akzeptanz trainierte √Ąrzte pl√∂tzlich zu erstarrten Aussagen und ungepr√ľfter Diffamierung zu leiten.

[9] als Antwort auf die Frage des Autors nach dem besten Beginn und Weg zum erfolgreichen Homöopathen

publiziert unter: Rajan Sankaran und die Situational Materia Medica – eine Einf√ľhrung, Teil 3; AHZ; 239; 5/94; 181

 

 

 

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