Rajan Sankaran und die Situational Materia Medica – eine Einführung, Teil 3; AHZ; 239; 5/94; 181

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Rajan Sankaran und die Situational Materia Medica – eine Einführung
Teil III Praktisches Vorgehen zum Verstehen der zentralen Störung
H. Retzek

publiziert unter: Rajan Sankaran und die Situational Materia Medica – eine Einführung, Teil 3; AHZ; 239; 5/94; 181

In der vorliegenden Artikelserie wird versucht, ein kürzlich entwickeltes theoretisch-philosophisches Konzept des Krankheits & Arzneimittelverständnisses, die Situational Materia Medica (SMM), wie sie von Rajan Sankaran formuliert wurde, transparent zu machen.

In diesem Abschnitt soll der Zugang zum „Gemütszustand“ einer Arznei und des Patienten präsentiert werden.

 

In the following series of articles I will try to provide some insights into the Situational Materia Medica (SMM), a theoretical-philosophical concept of understanding disease & remedies, as was developed recently by Rajan Sankaran.

This part tries to present a way to get insight in the „state of disposition“ of a remedy as well as a patient.

 

 

In den ersten beiden Teil wurde ausführlich begründet, wieso der Gemütszustand des Patienten eine Schlüsselrolle bei der Mittelfindung einnehmen sollte. Rajans Verständnis zur Dynamik von Krankheit und Heilung wurde präsentiert sowie Zitate von Hahnemann, die belegen, daß sich Rajans Vorstellungen in jedem Punkt auf Hahnemanns Vorgaben beziehen [1] .

Eine kurze Zusammenfassung soll der Erinnerung dienen
Homöopathische Arzneien können – da immateriell – nicht direkt auf den materiellen Organismus einwirken. Als Effektorsystem zur Somatisierung dient die PNEI-Achse [2] . Dysfunktion der PNEI-Achse wird als zentrale Störung bezeichnet und geht jeder Krankheit voraus. Abhängig von der Vitalität, den pathologischen Tendenzen und Organminderwertigkeiten eines Organismus manifestieren sich diese Störungen als (lokale) Krankheit.

Während einer Arzneimittelprüfung (AMP) wird in jedem empfänglichen Prüfer eine gleichartige funktionelle Störung „induziert“. Deswegen sind Indikator-Symptome (siehe Tabelle 1) der PNEI-Achse in allen Prüfern ähnlich, während lokale Symptome (Zahnweh, Fieberblase, Prostatitis, Gonarthritis …) auch von den Tendenzen der Prüfer beeinflußt werden. Würden Arzneimittel „vollständig“ geprüft, wäre schließlich jedes Mittel in jeder Lokal-Rubrik vorhanden, während jene Rubriken, die der zentralen Störung der Arznei entsprechen, kaum erweitert würden. Daher sollte sich die Mittelwahl vorallem auf die Charakteristika der zentralen Störung berufen. Homöopathische Lokal-Therapie wirkt suppressiv und verschlechtert das zentrale Leiden.

Krankheit = Gemütszustand des Patienten = Gemütszustand des Arzneiprüfers = Gemütszustand der Arznei [3] .

Der Gemütszustand des Patienten entspricht dem der heilenden Arznei und und repräsentiert die wirkliche Krankheit – nähmlich die zentrale Störung. Diese emprisch unbestrittene und bereits von Hahnemann gefundene Gleichsetzung wird von nun an nicht mehr hinterfragt und ist für das Verständnis der Theorien Dr. Sankarans unbedingte Voraussetzung.

Wie kann man sich einer Arznei nähern, wie läßt sich das „theoretische Konzept“ des Gemütszustandes praktisch anwenden, was ist in dieser Beziehung von einer Arznei bekannt und wie kann man den noch unbekannten Gemütszustand des Patienten wirklich erfassen ?.

Der Gemütszustand der Arznei
Es muß sich dabei um etwas anderes handeln, als einfach nur die Geistes-Gemüts-Rubriken einer Arznei aufzulisten. Auch Hahnemann gebrauchte nie den Ausdruck Gemüts-Symptome, sondern immer nur Gemüts-Zustand, also eine aktuelle Befindlichkeit. Da wir von einer Arznei nur die Rubriken kennen, suchte Rajan eine praktikable Methode, um daraus den Zustand zu rekonstruieren.

„Essenzen“ schienen ihm nicht ausreichend, da sie mit einer einzigen prominente Eigenschaft als Zentrum alle weiteren Eigenheiten darauf zurückzuführen versuchten und damit dieses Mittel viel zu sehr einengten und viele in einem Mittel enthaltene Symptome nicht schlüssig erklären konnten.

 

PNEI-Symptome (1, S.37/38)

1. Psychische Symptome

2. Allgemeines, u.a.

Modalitäten (z.B. Reaktion auf Temperatur, Lärm, Bewegung ..)

Veränderungen des Appetit und Durst-Verhaltens

Verlangen und Abneigung

Schlaf und Träume

Schweiß-Verhalten

Sexual-Funktion und Impulse, Menstruations-Charakter

3. Eigentümliche und Charakteristische Symptome

4. Eigentümlichkeiten der Lokalerkrankung (nicht-pathognomonische Symptome)

 

Besser schien sich das Mittel unter dem Gesichtspunkt von Komponenten (grundlegende Charakterzüge) verstehen zu lassen. Symptome einer Krankheit, sowie bestimmte Verhaltensweisen, die ja Ausdruck des Gemütszustandes sind, wären dann bestimmte Kombinationen dieser Komponenten. Komponenten sind immer als hochwertige PNEI-Symptome im Repertorium zu finden.

Wie ein Mittel charakterisieren
Eine Person kann z.B. durch ihr Temperament [4] beschrieben werden. „Er ist intelligent“ charakterisiert wohl niemanden ausreichend, aber die Kombination der Komponenten „intelligente, gehetzte Person mit mangelndem Selbstvertrauen, reizbar und furchtsam“ zeichnet einen Menschen recht genau.

Es ist die Kombination von grundlegenden PNEI-Symptomen (Komponenten) einer Person/Arznei, die diese charakterisiert. Ähnliche Arzneien können unter Hinzunahme weiterer Komponenten voneinander differenziert werden.

Zum Beispiel:

Erhöhtes sexuelles Verlangen z.B. Fluor.-ac., Lil.-tig., Hyos., Staph., Bufo.

Lilium tigrum

Dieses Mittel hat zwei weitere prominente Charakterzüge: Rastlosigkeit und Religiosität. Diese 3 Komponenten sind also in AMPs prominent zum Vorschein gekommen und weisen auf den Arznei-induzierten Gemütszustand der Prüfer hin.

Wie müßte nun der Gemütszustand einer Person/Arznei beschaffen sein, der diese drei Komponenten in sich vereint ?

Synthese des Gemütszustandes aus seinen Komponenten
Durch empathisches Einfühlen sollte man versuchen, diese drei „Charakter-Eigenschaften“ (Hast, sex. Verlangen, religiös) der Arznei zu einem schlüssigen – also lebensnahen Bild zusammenzusetzen.

Lilium tigrum ist sehr religiös und empfindet daher das starke sexuelle Verlangen als etwas Unmoralisches das unterdrückt werden muß. Da dieses Mittel hastig ist, kann es sein Verlangen am leichtesten durch übertriebene Geschäftigkeit überspielen.

Und wirklich findet sich im Repertorium die charakteristische Rubrik „Rastlos, muß sich immer beschäftigen um sein sexuelles Verlangen zu unterdrücken“, die das Bild, das aus den Komponenten synthetisiert wurde, bestätigt.

Ableitung der Komponenten aus einem charakteristischen Symptom
Beim Versuch den aus Komponenten zusammengesetzten Ausdruck „Rastlos, muß sich immer beschäftigen um sein sexuelles Verlangen zu unterdrücken“ in seine Komponenten zu zerlegen, erhält man unmittelbar einsichtig: rastlos und erhöhtes sexuelles Verlangen.

Weiters: Tatendrang, fleißig, Arbeit verbessert, ungeduldig, reizbar ….. Sollte der Gemütszustand, den man aus dem zusammengesetzten Ausdruck „erfühlt“ hat „stimmig“ sein, werden sich diese Komponenten sofort durch Nachblättern im Repertorium bestätigen lassen.

Bei der Frage „Wann oder Wieso muß jemand sein sex. Verlangen unterdrücken ?“ wird man rasch auf die Antwort „starke Religiosität !“ stoßen, denn dies ist das offensichtlichste und stimmigste Bild, daß sich zur Kombination „Rastlos, … um sein sexuelles Verlangen zu unterdrücken“ (in unserem Kulturkreis) aufdrängt. Das Repertorium wird es bestätigen, als Beweiß, daß der Gemütszustand der Arznei richtig erfaßt wurde [5] .

 

Acidum fluoricum

erhöhtes sexuelles Verlangen, ehebrecherisch, Abneigung gegen Verantwortung, Gleichgültigkeit gegen Geschäfte. Diese Rubriken zu einem Bild synthetisiert erhält man: ein verheirateter Mann, der auf der Straße steht und den vorbeigehenden Frauen nachstarrt.

Der Versuch dieses Bild in seine Komponenten zu zerlegen, ergibt (1, S103) erhöhtes sexuelles Verlangen; Gleichgültigkeit gegenüber geliebten Personen; Wahnvorstellung, muß die Ehe auflösen; fröhlich; heiter; lüstern; warmblütig; das Nachschlagen im im Repertorium bestätigt, daß der Gemütszustand richtig erfasst wurde.

Die Differenzierung von Staph., Hyos., Bufo siehe (1, S.103).

 

Alle diese Mittel haben eine gemeinsame Komponente: erhöhtes sexuelles Verlangen, unterscheiden sich aber sehr in anderen. So erhält jedes der Mittel durch Kombination grundlegender Charakterzüge sein charakteristisches „Temperament“, wobei die einzelnen Komponenten jedoch nicht „herausstehen“, sondern im Sinn eines lebensnahen Bildes miteinander verschmelzen um einen charakteristischen Gemütszustand zu bilden.

Rajan vergleicht bildhaft mit einem Gericht, in dem verschiedene Gewürze und Inhaltstoffe einen charakteristischen, einzigartigen und unverwechselbaren Geschmack ergeben. Das Weglassen oder die Zugabe einer weiteren wichtigen Komponente verändert den Geschmack vollkommen (1, S.117).

Um eine Person/Arznei zu beschreiben verwendet man bestimmte Attribute (intelligent, sehr reizbar, furchtsam …), wobei wichtig ist zu verstehen, daß jedes Mittel jede Eigenschaft in sich trägt, jedoch in unterschiedlicher Ausprägung. Diese Parameter (Tabelle 2), mit denen eine Persone beschrieben wird, liegen irgendwo zwischen den Extremen von Gegensatzpaare (1, S104):

Charakteristische Symptome werden durch Kombination von Komponenten gebildet
Es wurde bereits gezeigt, daß sich charakteristische Symptome (Expressions) durch Kombination der Komponenten ergeben. „Muß sich beschäftigen um sexuelle Bedürfnisse zu unterdrücken“ konnte in die Komponenten Hast, Religiosität (Moralität), Schuld, erhöhtes sexuelles Bedürfnis zerlegt werden.

Folgendes Beispiel soll diesen Gedanken weiter verdeutlichen. Ein für Natrium sulphuricum sehr charakteristisches Symptom: „Abscheu vor dem Leben, muß sich zurückhalten um sich nichts anzutun“ benötigt zur Existenz als Grundkomponenten Depression und Suicidale Neigung. Wieso findet sich nicht auch Aurum, das doch ebenfalls depressiv und suizidal sein kann, in dieser Rubrik. Was differentiert die beiden Arzneien ?

 

„Muß sich zurückhalten“ weist auf einen Gemütszustand, der die gesamte Selbstkontrolle aufbringen muß, um sich nichts anzutun. Der Patient wird depressiv, hat suicidale Impulse und fürchtet sich davor.

Welcher Mensch würde so fühlen ? Welche anderen Komponenten sind notwendig um einen derartigen Gemütszustand zu formen ?

Schüchtern, unentschlossen, furchtsam und mit sehr schwachem Willen. Das Repertorium bestätigt wieder diese Theorie mit weiteren charakteristischen Symptomen: „erschießen, muß sich beherrschen um sich nicht aus Lebensüberdruß zu“, „Leid anzutun, fürchtet sich ein, wenn allein gelassen“.

Man würde also erwarten, daß Natrium sulfuricum einen schwachen Willen hat und ist sich durch die Erfahrung der obigen Beispiele schon sehr sicher, daß die „Ableitung“ der zugrundeliegenden Komponenten aus einem charakteristischen Symptom durch das Repertorium bestätigt wird. Rajan fand im Kent das Mittel in keiner dieser Rubriken !!

PARAMETER

reizbar

mild

furchtsam

kühn

traurig

heiter

scharfer Geist

stumpf

eilig

langsam

moralisch

unmoralisch

lustvoll

niedriges sexuelles Verlangen

übermütig

mangelndes Selbstvertrauen

fest, starr, entschlossen

unentschlossen

hypersensitiv

insensitive

Verlangen nach Gesellschaft

Abneigung gegen Gesellschaft

mitfühlend

gleichgültig

gutes Gedächtnis

schlechtes Gedächtnis

impulsive, gewaltätig

langsame Reaktion

geschwätzig

still

egoistisch

demütig

fleißig

faul

eifersüchtig

überhaupt nicht eifersüchtig

eifrig

nicht ambitioniert

musikalisch

Abneigung gegen Musik

veränderlich

fixiert

Trost verbessert

Trost verschlechtert

Ängstl. um Gesundheit

Gleichgültig um Gesundheit

theoretisieren, planen

Mangel an Vorstellungskraft

starker Wille

mangelnder Wille

hartköpfig

nachgebend

hinterhältig

Mangel an Listigkeit

weint leicht

weint nie

ausdrucksvoll

reserviert / geheimnisvoll

hellsichtig

Abwesenheit jeder Hellsichtigkeit

kindisch

frühreif

verlangen zu reisen

Abneigung zu reisen

verzweifelt

hoffnungsfroh, optimistisch

 

Das Wesen eines richtigen Modelles ist, daß sie vorhersagbare Ergebnisse produziert und durch Fakten bestätigt und nicht widerlegt wird. Ist also die Methode des Aufschlüsselns charakteristischer Symptome in die Komponenten, um die Parameter des Gemütszustandes zu erfassen, falsch ? Sollte ein so spezifischer Charakterzug wie „schwacher Wille“, ohne dem nach der vorgestellten Methode die oben angeführten charakteristischen Rubriken nicht zustandekommen dürften, als PNEI-Symptom nicht in einer AMP prominent aufgetreten sein ?

Rajan war sich seiner Idee so sicher, daß er im Hering nachschlug um dort hervorgehoben zu finden: „extrem schüchtern und ängstlich, Lebensmut verloren, Geist geschwächt“ !

Aurum wiederum ist in diesem Parameter gegenteilig ausgeprägt und zeigt die Komponente extrem starker Wille (angezeigt zB durch das Symptom „Delusion [6] , hat Pflicht versäumt und verdient Bestrafung“). Aurum würde sich die Frage stellen: „springe ich oder nicht“ und bei „ja“ einfach hinunterspringen.

„Single Symptom Rubriken“ repräsentieren charakteristische Kombinationen
Rubriken, die nur ein Mittel enthalten, in Komponenten zu zerlegen, erweist sich als sehr wertvoll, da sie oftmals eigene und recht charakteristische Kombinationen des Mittels anzeigen, die man in keinem anderen Mittel findet.

Acidum nitricum: „Haß auf Personen die ihn beleidigt haben, ungerührt durch Entschuldigungen“, als Single Symptom Rubrik sogar im 3ten Grad ! Durch Aufschlüsselung in die Komponenten versteht man das Mittel sofort besser:

„Haß“, „leicht beleidigt“, „starr im Denken“, „hartnäckig, hartköpfig“, „verächtlich“, „Trost verschlimmert“ (das Repertorium bestätigt wieder die Richtigkeit, mit der der Gefühlszustand des Symptoms „Haß …. ungerührt …“ erfaßt wurde)..

Re-Synthetisiert man diese Komponenten zu einem Gemütszustand, könnte man durchaus auch Haß auf Personen, die gar nicht beleidigt haben, oder Haß auf bestimmte Dinge – so wie sie sind, Starre und Hartköpfigkeit in ganz anderen Beziehungen, besonders in Gesundheitsfragen (da Acidum nitricum noch dazu starke Angst um die Gesundheit hat) „drin finden“.

Alles abgeleitet durch Analyse eines Single Symptoms, jedoch – und das unterscheidet Rajans Technik von anderen Modellen – bestätigt durch das Wiederfinden des Mittels in den entsprechenden Rubriken !

Unterscheidung von grundlegenden Parameter und Expressions [7]
Lassen wir Rajan zu Wort kommen (1, S.113): „Was ist kalt, hart und farblos ?“ – „Eis“ würden sie sofort antworten. Würde ich sie fragen ob es nicht vielleicht ein Glas im Kühlschrank sein könnte, würden sie bald antworten: „es ist nicht ´bedingungslos´ kalt, nur im Eisschrank“. Die grundlegenden Komponente von Eis sind also: Kälte (es ist auch kalt im heißen Raum), Härte, Farblosigkeit“. Damit erkennen wir:

 

1. grundlegende Komponenten sind „bedingungslos“, sie verändern sich nicht und können nicht erklärt werden

2. Expressions beinhalten Bedingungen (wie die Kälte des Glases)

3. ein Objekt läßt sich wesentlich leichter über seine grundlegenden Komponenten als mittels Expressions identifizieren.

Expression
Die Expression ist also dadurch gekennzeichnet, daß ihr verschiedene Gefühle bzw. Gemütszustände zugrundeliegen können, die nicht unmittelbar erfaßbar sind. Es handelt sich hierbei um Effekte von Komponenten, nicht die Komponente selbst. Ein Beispiel klärt sofort wieder (1, S.110; aus Platzgründen stark gekürzt):

Die Mittel der Rubrik „Leiden durch Erwartungsspannung“ haben vollkommen unterschiedliche Komponenten. Medorrhinum fürchtet sich vor Unglück, Lycopodium mangelt es an Selbstvertrauen, Silicea ist sehr um sein Image besorgt, Ambra ist unglaublich verlegen und empfindet Peinlichkeiten überstark, Psorinum – sehr dem Med. ähnelnd – ist voller Verzweiflung, Barium-carbonicum fühlt sich unfähig, Staphisagria hat extreme Verletzlichkeit.

Es ist daher ersichtlich, daß es zwei Arten von Psychischen Symptomen gibt:

 

1. Grundlegende Parameter: hastig, eifersüchtig, Furcht, Ärger; und ihre Kombinationen: „sagt Todesstunde vorraus“ (Furcht vor Tod, hellsichtig), „Verlangen nach Gesellschaft, die er dann rüde behandelt“ (Verlangen n. Gesellschaft, Reizbarkeit, streitsüchtig).

2. Abgeleitete Ausdrücke (Expressions): dieser Parameter oder deren Kombinationen, z.B. „Leiden durch Erwartungsspannung“, kein grundlegendes Gefühl ausdrückend, sondern ein allgemeiner Ausdruck verschiedenster zugrundeliegender Komponenten.

Das Vorgehen in der Praxis – wie erhält man die Komponenten des Patienten
Jedesmal fragen „Warum existiert dieses Symptom“. Bekommt man eine Erklärung, dann handelt es sich um eine Expression. Natürlich muß man jetzt wieder die Erklärung hinterfragen, wieder und wieder – bis man an den Punkt gelangen, an dem man keine ausreichende Erklärung für die Existenz des Symptoms mehr bekommt – nun ist ein grundlegender Parameter der Person gefunden.

 

Ein Patient erzählt, daß er gerne unter Leuten ist. Nun fragt man „warum ?“ . Antwortet der Patienter „ich weis nicht warum, ich hab Gesellschaft einfach gerne“ ist der grundlegende Parameter „Verlangen nach Gesellschaft“ erreicht.

 

Erfährt man aber „weil ich mich alleine fürchte“, wird wieder nach dem Grund gefragt. Die Antwort „weis nicht“ gibt den grundlegenden Parameter „Angst alleine zu sein“.

 

Er könnte aber auch sagen „Ich fürchte mich alleine weil ich Angst habe einen Herzinfarkt zu bekommen und zu sterben“, dann wären die grundlegenden Komponenten „Furcht vor drohender Krankheit“ gemeinsam mit „Furcht alleine zu sein“.

 

Grundlegende Komponenten sind meistens Prüfungssymptome. Außer durch Prüfung neuer Mittel würden diese Rubriken kaum erweitert werden.

Expressions sind oft klinische Symptome und diese Rubriken werden mit zunehmender klinischer Erfahrung erweitert. Es ist daher sicherer, vorallem mit grundlegenden Parameter zu arbeiten, die Ausdrücke nur zur Bestätigung einzusetzen.

Eifersucht ist ein grundlegender Parameter, der in den Arzneimittelprüfungen auftaucht. Einer der davon abgeleiteten Ausdrücke könnte Sarkasmus sein, ein Symptom, das in AMP kaum auftreten wird.

Mögliche Fallen
Vorsicht jedoch: Rubriken des Repertoriums enthalten Mittel, für die diese Rubrik ein grundlegender Parameter ist, als auch jene, für die die Rubrik ein abgeleiteter Ausdruck, eine Expression ist.

Eine weitere Falle: der Arzt tendiert dazu, verschiedene Expressions desselben grundlegenden Symptoms zur Mittelfindung einzusetzen und findet dann natürlich dieselbe Gruppe von Mittel, die durch diese Rubriken durchgehen. Die Mittel der Rubrik hellsichtig finden sich auch in anderen, mit diesem Zustand eintretenden Rubriken wie: geistig abwesend, Zeit vergeht zu langsam, Gefühl der Dualität, „Delusion, jemand geht neben/hinter ihm“ …. Es ist also wichtig, Komponenten aus anderen Bereichen zu finden.

Weitere Beispiele
Manche Kinder werfen, sobald sie einen Hund oder eine Katze sehen, dem Tier einen Stein nach. Zerlegt man dieses Verhalten in seine Komponenten finden sich:

Furcht vor Katzen oder Hunden; zerstörerisch; Impuls etwas zu werfen. Diese Kombination findet man nur in Tuberkulinum, das auch jedesmal bei diesen Kindern angezeigt war.

 

„Macht oft Witze über jemand anderen“, dieses Symptom hat einige Komponenten: die Person ist witzig, schadenfroh, ein Element des Stolzes und Hochmuts muß vorhanden sein, vielleicht Eifersucht, Lebhaftigkeit (vielleicht sogar Geschwätzigkeit), man muß schnell sein, schnell handeln: klar wird Lachesis charakterisiert. Hyoscyamus ist eifersüchtig und schadenfroh aber nicht witzig oder schnell. Coffea ist eifersüchtig und witzig und handelt schnell, aber nicht schadenfroh.

Resüme
Vor der Zusammenfassung der wesentlichsten Punkte dieses Artikels scheint es angebracht, Dr. Sankaran selbst Problem „Psychische Symptome“ – „Körperliche Symptome“ zu Wort kommen zu lassen [8] (1, S.101):

„Lokale Eigentümlichkeiten, Allgemeinsymptome und Modalitäten charakterisieren die zentrale Störung genauso wie die psychischen Symptome. Sie alle haben dieselbe Ursache, die weder geistig noch physisch ist, sondern tiefer liegt.

Psychischen Symptome produzieren zusammengenommen jedoch ein bestimmtes, für den Geübten leicht identifizierbares „Muster“, [das im Kontext einer bestimmten – jedoch in der aktuellen Realität nicht vorhandenen – Situation durchaus angebracht und sinnvoll erscheint,] wohingegen die körperlichen Symptome „isoliert“, „einzeln“ erscheinen. Auch kann der Gemütszustand auf vielfältige Weise bestätigt werden. Durch Träume, Hobbies, Erinnerungen usw., ja sogar die pure Beobachtung des Patienten, noch bevor er etwas erzählt, hilft bereits, den Gemütszustand besser zu verstehen.

Das Argument ist durchaus richtig, daß psychische Symptome, besonders in Patienten die sehr intellektualisieren, verwirrend sein können. In solchen Fällen wird man sich mehr an den körperlichen Symptomen orientieren.

In Fällen mit manifester Pathologie ist aber der Gemütszustand sicherlich „non-pathognomonisch“ und man muß nicht erst – so wie bei den körperlichen -Symptomen – unterscheiden, welches Symptom erklärt werden kann und welches nicht. Es hängt letztendlich vom Arzt ab, womit er besser zurechtkommt, denn beides sind Türen ins selbe Haus. Man könnte auch sagen zwei Seiten derselben Münze. Weise ist der, der beide Seiten betrachtet bevor er die Münze identifiziert, egal von welcher Seite er ursprünglich ausging.

Es geht keineswegs darum, sich nur auf den Geist zu konzentrieren. Um die körperlichen Symptome zu sammeln benötigt man vorallem Genauigkeit, den Gemütszustand zu erfassen, erfordert jedoch ein besonderes Einfühlungsvermögen und Geschick, das sich mit der Übung entwickeln.“

 

 

Rajans Credo: es gibt nur eine Wahrheit. Auf welchem Weg wir zu ihr finden ist vollkommen belanglos, wichtig ist nur, daß wir sie erkennen. „Yoga, Psychotherapie, Ayuveda, Homöopathie usw. – es ist alles dasselbe“ [9]

 

 

In Rajans Buch finden sich immer wieder Beispiele aus seiner Praxis und ich möchte mit zwei „geheilten“ Fällen abschließen, nicht ohne darauf hinzuweisen, daß in diesem Artikel ein erster, vielleicht der wichtigste Schritt zum Verständnis der Situationellen Materia Medica unternommen wurde:

 

1. Verhaltensweisen oder Symptome sind das Resultat eines Gemütszustandes.

2. der Gemütszustand entspricht am ehesten der eigentlichen Krankheit.

3. Symptome lassen sich in Grundkomponenten und Expressions einteilen. Das Wesen einer Grundkomponente ist ihre Bedingungslosigkeit.

4. Der Charakter eines Arzneimittels läßt sich am besten als charakteristische Kombination von Grundkomponenten erfassen.

5. Durch Analyse von charakteristischen Symptomen kann man rasch Einblick in die spezifische Konstellation der Komponenten eines Mittels erhalten.

6. Durch Synthese der wichtigsten Komponenten kann man den Gemütszustand ergründen.

7. Beim Erheben einer Anamnese wird solange nach Begründung gefragt, bis man keine Erklärung mehr bekommt. So erhält man eine wichtige Grundkomponente der Persönlichkeit.

 

Der wichtigste Punkt, die „Delusion“, das Verständnis des Mittels als eine in einer bestimmten Situation notwendigen und richtigen Geistes- Gemüts-Haltung wird im nächsten ….. beschrieben

 

I. (1, S117) Ein 6jähriger Bub. Immer wenn er eine Schabe sieht, stampft er sie zu Brei.

Die Komponenten dieses Verhaltens:

1. Zerstörerisch

2. Gewalttätig

3. Impuls zu töten

4. Moralischem Empfinden, Mangel an

5. Furcht vor Tieren

– BELLADONNA

 

II. (1, S118) Ärgerlich beschwert sich eine Patienten: „Andere Leute sagen schlimme Dinge über mich.“

Die Komponenten dieses Geist/Gemütssymptoms:

1. Argwöhnisch, mißtrauisch

2. Wahnvorstellung, wird kritisiert

3. Wahnvorstellung, wird überwacht

4. Streitsüchtig

5. Geisteskrank

– HYOSCYAMUS

 

 

Literatur

1. Sankaran, R. The Spirit of Homeopathy (1991), Bombay, Eigenverlag

 

 

Anschrift des Autors:

Helmut Retzek (cand.med.), Gablenzgasse 17/25, A-1150 Wien

 

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[1] Zusammengefaßt in Organon §213: „Man wird daher nie homöopathisch heilen, wenn man nicht bei jedem, selbst akuten Krankheitsfällen, zugleich auf das Symptom der Geistes- und Gemüts-Veränderungen sieht, und nicht jenes Mittel wählt, …. das auch einen ähnlichen Gemüths- oder Geistes-Zustand für sich zu erzeugen fähig ist.“

[2] Psyche, autonomes Nervensystem, endokrines und immunologisches System

[3] „es gibt keinen kräftigen Arzneistoff auf der Welt, welcher nicht den Gemüts- und Geisteszustand des ihn versuchenden, gesunden Menschen (d.h. in einer Arzneimittelprüfung) sehr merkbar verändert, und zwar jede Arznei auf verschiedene Weise.“(Organon §212).

[4] das Lexikon definiert Temperament als „eine charakteristische Kombination von körperlichen, geistigen und moralischen Qualitäten die den Charakter einer Person ausmacht“.

[5] dies, da Komponenten (grundlegende Charakterzüge) bei sensitiven Arznei-Prüfern als erstes auftreten, da sie unmittelbar aus der zentralen Störung herrühren und PNEI-Symptome sind. Daher sind diese „Komponenten“- Symptome (grundlegende Parameter) einer Arznei wahrscheinlich vollständig im Repertorium verzeichnet.

[6] dieser Begriff, in der lexikalischen Übersetzung „Täuschung, Wahnvorstellung“ in einer nicht dem Kontext entsprechende Richtung besetzt wird aus eben diesen Gründen im Orginal beibehalten

[7] der Autor fand keine den Kontext ausreichend wiedergebende Übersetzung und beläßt diese Definition im Orginal

[8] vom psychodynamischen Standpunkt ist der Richtungsstreit durchaus verständlich. Jede der Seiten hat Therapieversager der anderen Seite (was anzuzeigen scheint, daß die anderen „schlechte Homöopathie“ machen), gleichzeitig hat jede Seite fantastische Erfolge (was anzuzeigen scheint, daß man selbst die „wahre Homöopathie“ verfolgt). Da es weder Zahlen oder andere Vergleichsmöglichkeiten gibt noch jemals gegeben hat, besteht ausreichende Verunsicherung, um auf Toleranz und Akzeptanz trainierte Ärzte plötzlich zu erstarrten Aussagen und ungeprüfter Diffamierung zu leiten.

[9] als Antwort auf die Frage des Autors nach dem besten Beginn und Weg zum erfolgreichen Homöopathen

publiziert unter: Rajan Sankaran und die Situational Materia Medica – eine Einführung, Teil 3; AHZ; 239; 5/94; 181

 

 

 

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