Rajan Sankaran und die Situational Materia Medica – eine Einf√ľhrung, Teil 1 AHZ 239 3/94 100

 


 

Rajan Sankaran und die Situational Materia Medica¬† ¬† eine Einf√ľhrung

Teil I        H. Retzek

 


publiziert: Rajan Sankaran und die Situational Materia Medica – eine Einf√ľhrung, Teil 1; AHZ; 239; 3/94; 100

 

In der folgenden Artikelserie wird versucht, ein k√ľrzlich entwickeltes theoretisch-philosophisches Konzept des Krankheits & Arzneimittelverst√§ndnisses, die Situational Materia Medica (SMM), wie sie von Rajan Sankaran formuliert wurde, transparent zu machen.

Die Grundlagen der SMM werden auf Konsistenz zu Aussagen Hahnemanns als auch zu aktuellem faktisch-medizinischen Wissens √ľberpr√ľft. Die zentrale St√∂rung wird definiert, die Dynamik von Krankheit und Behandlung zusammenfassend formuliert (Teil 1 & 2). Es wird eine theoretische und praktische Ann√§herung an das prim√§r nicht ‚me√übare‘ Symptom des Gem√ľtszustandes dargelegt, sowie eine Methodik pr√§sentiert, vom eigentlichen Wissen einer Arznei (den Rubriken) auf deren Gem√ľtszustand zu schlie√üen (Teil 3). Schlie√ülich wird der eigentliche Kernpunkt der SMM, der intrapsychischen Vorgang der Wahrnehmungsverfremdung (Delusion) als Ausdruck der eigentlichen Erkrankung, dargestellt (Teil 4). Abschlie√üend soll eine Zusammenfassung mit Beispielen den sehr weitgespannten Bogen dieses Konzeptes umspannen als auch offene Fragen ansprechen.

 


 

In the following series of articles I will try to provide some insights into the Situational Materia Medica (SMM), a theoretical-philosophical concept of understanding disease & remedies, as was developed recently by Rajan Sankaran.

The basis of the SMM are examined for consistancy to Hahnemanns findings as well as factual medical knowledge (Part 1 & 2). Then a theoretical and practical method to approach the primarily ‚unmeasurable‘ state of disposition is presented as well as a method to deduce from the hard facts of a remedy ‚Äď the rubrics ‚Äď its underlaying state of disposition (Part 3). Finally the core of the SMM, disease as an altered state of perception (delusion), is presented (Part 4). In the last part a comprehension will review the entire concept as well as point to some open questions.

 


Schl√ľsselw√∂rter

Situational Materia Medica, Sankaran, Delusion, NLP, Gem√ľtszustand, Geistes- Gem√ľtssymptome, Dynamik, zentrale St√∂rung


Keywords

Situational Materia Medica, Sankaran, delusion, NLP, state of disposition, mind symptoms, dynamics, central disturbance

 


 

Oft wird auf die sich aus Dr. Sankarans Arbeit ergebenden Erkenntnisse Bezug genommen, ohne dessen Theorien explizit zu zitieren.¬† Da viele Dr. Sankaran noch nicht pers√∂nlich erlebt haben und dessen Hauptwerk ( 16 ) sowie Journal-Publikationen nur in Englisch vorliegen, soll in dieser Artikelserie versucht werden, einen √úberblick √ľber Dr. Sankarans Theorien zu geben [1] .

Im ersten Teil wird gezeigt, welche Charakteristika des Patienten ein direkter Hinweis auf seine Erkrankung darstellen und wieso sie ein Schl√ľsselrolle bei der Mittelfindung einnehmen sollten.

Der Beginn

Eine retrospektive Untersuchung vieler F√§lle von Patienten, die von den Doktoren Jayesh Shah und Rajan Shankaran behandelt wurden, ergab, da√ü Verschreibungen auf der Basis von Geistes/Gem√ľts- (GG) und Allgemein-Symptomen wesentlich erfolgreicher verlaufen waren als jene, bei denen man sich vor allem auf lokale Symptome oder die Pathologie gest√ľtzt hatte ( 16 , S.4) [2] .

Aus rein pragmatischen Gr√ľnden und ohne die eigentlichen Hintergr√ľnde zu verstehen, wurde nun von beiden Hom√∂opathen dieser Gesichtspunkt verst√§rkt im Auge behalten, ab und an vorsichtig ‚Äúausprobiert‚ÄĚ, sich jedoch stets vergewissernd, da√ü das nach Gem√ľts/Allgemein-Symptomen ausgew√§hlte Mittel immer auch das lokale Problem beinhaltete.

Erst ein schwieriger Fall von Vitiligo universalis, bei dem es keine Lokalsymptome gab und bei welchem das aufgrund von Gem√ľts- und Allgemein-Symptomen gew√§hlte Mittel (Kalium jodatum) ausgezeichnet heilte obwohl es weder der Pathologie noch dem Organbezug entsprach, lie√ü Fragen aufkommen, aus deren Beantwortung sich schlie√ülich ein logisches Gedankengeb√§ude entwickelte, ‚das alle bis jetzt aufgekommenen ‚ÄúSchulen‚ÄĚ zu beinhalten scheint und dessen Essenz schlie√ülich zur Situational Materia Medica f√ľhrte‘.

Zwei Fakten

1. √úber die C12 hinaus beinhalten hom√∂opathische Mittel keine Molek√ľle des Arzneistoffes mehr, welche einen ‚Äúmateriellen Effekt‚ÄĚ aus√ľben k√∂nnten.¬† Wenn √ľberhaupt, dann kann daher nurmehr irgend eine Art von ‚ÄúEnergie‚ÄĚ (‚ÄúInformation‚ÄĚ ?), die einen dynamischen Effekt aus√ľbt, durch die Arznei auf den Patienten √ľbertragen werden:¬†

Potenzen können nur dynamisch wirken  (1, S.5).

Es folgt die Frage:¬† was ist eine ‚Äúdynamische‚ÄĚ St√∂rung, die mit einem dynamisch wirkendem Medikament behandelt werden kann ?

 

2. Bei der Mehrzahl der durch die Drs. Shah und Sankaran erfolgreich behandelten F√§lle waren die Arzneien vorzugsweise auf der Basis der Gem√ľts/Allgemein-Symptome ausgew√§hlt worden.¬†

Durch eine Arznei geheilte F√§lle hatten also √§hnliche Gem√ľts- und Allgemein-Symptome; aber die lokalen Symptome waren unterschiedlich, bzw nicht √ľbereinstimmend.

Zur Grundlage der Arznei-Wirkung

Wie bewirkt eine beliebige ‚Äúmaterielle‚ÄĚ Arznei Symptome, besonders lokale Symptome ?¬† Diese Frage sollte, Dr. Sankarans Buch beiseite legend, kurz √ľberlegt werden:

Entweder wirkt das Medikament

I.      direkt zellschädigend (lokal am Applikationsort, systemisch in der Niere nach tubulärer Konzentration, der Leber nach Aktivierung durch das Cytochrom-System, usw., d.h. durch Interaktion mit einem organspezifischen Enzym- bzw Transport-System),

 

II.   Veränderung der Stellglieder in den 3 großen Effektorsystemen:

1.      dem autonomen Nervensystem (N): Regulation lokaler Durchblutung, Schwitzen, Peristaltik, Herz-Kreislauf, Schlaf, vitale Reflexe usw.

2.      dem endokrinen System (E): Wachstum, Knochenstruktur, Zell-Metabolismus, Verdauung, Herz-Kreislauf usw.

3.      dem immunologischen System (I): Infektionsabwehr, allergische Reaktion, Autoimmunerkrankung usw.

 

und schädigen dadurch indirekt lokale Strukturen (z.B. durch ständige vegetative oder hormonelle Stimulation, lokaler Ischämie, Infektneigung und allergische Reaktion usw.).

 

Die Psychosomatik und die Psycho-Neuro-Immuno-Endokrinologie ( 14 , S.155 ff.) erforschen den Einflu√ü der Psyche (P) auf das Soma. Dabei konnte man best√§tigen, da√ü die Psyche mittels der drei Effektorsysteme ‚ÄúN-E-I‚ÄĚ (NEI) auf den K√∂rper einwirkt.

Auch einige der k√∂rperorientierten psychotherapeutischen Schulen, am bekanntesten Willhelm Reich ( 13 , Orgonotherapie), Alexander Lowen ( 11 , Bioenergetik) und Gerda Boyesen [3] ( 6 , Biodynamik), haben ihren therapeutischen Systemen zugrundeliegende theoretische Konzepte, die eine Somatisierung von ‚ÄúSpannungen‚ÄĚ oder ‚ÄúSt√∂rungen‚ÄĚ √ľber das NEI-System zeigen. Spannungs-L√∂sung verl√§uft r√ľckl√§ufig durch Freisetzung der ‚ÄúLebensenergie‚ÄĚ, ‚ÄúBioenergie‚ÄĚ oder ‚ÄúOrgons‚ÄĚ aus bzw. mittels des NEI-Systems.

 

Da mit unseren dynamischen Arzneien keine direkte Wirkung (Typ I) m√∂glich ist, kann nur der Effektorweg NEI beschritten werden, um Einflu√ü auf den Organismus zu nehmen. Wie noch zu zeigen ist, wird durch die hom√∂opathische Arznei aber auch das hierarchisch √ľbergeordnete, ‚Äúimmaterielle‚ÄĚ, durch ‚Äúdynamische Interaktionen‚ÄĚ von Neuronen existierende System der Psyche beeinflu√üt.

 

Zur√ľck zu Dr. Sankarans Aussagen zur Wirkungsweise ‚Äúdynamischer‚ÄĚ Arzneimittel auf einen ‚Äúmateriellen‚ÄĚ Organismus ( 16 , S. 37):

¬† ¬†¬†¬†¬†¬†¬† Er macht vier Organ-Systeme f√ľr diese Wechselwirkung verantwortlich: (P)syche, autonomes (N)ervensystem, (E)ndokrines System, (I)mmunologisches System, kurz ‚ÄúPNEI-Achse‚ÄĚ.

         Eine Störung in der PNEI-Achse verursacht schließlich eine Störung im gesamten Organismus.

¬† ¬†¬† ‚ÄúDynamische‚ÄĚ Arzeien m√ľssen √ľber diese Systeme wirken, da sie ja – ‚Äúimmateriell‚ÄĚ – nicht direkt sch√§digend auf ein Organ einwirken k√∂nnen.

¬† ¬†¬†¬†¬†¬†¬† Daraus ergibt sich, da√ü bei Arzneimittelpr√ľfungen zuerst Symptome dieser Achse auftreten.

         Jede Person bringt eine bestimmte Organminderwertigkeit oder Krankheitstendenz mit, die sich erst bei Dysfunktion der PNEI-Achse manifestieren kann.

¬† ¬†¬†¬†¬†¬†¬† Symptome (Dysregulationen) der PNEI-Achse nennt Dr. Sankaran ‚Äúzentrale St√∂rung‚ÄĚ. Daraus resultierende Erkrankungen sind nicht nur von der Art der St√∂rung abh√§ngig, sondern auch von angeborenen oder erworbenen Tendenzen und variieren von Individuum zu Individuum.

 

Auch wenn die ‚ÄúBryonia-St√∂rung‚ÄĚ eine starke Affinit√§t zur Pleura aufweist, kann bei entsprechender Veranlagung des Patienten eine Bryonia-Thyreoiditis auftreten. Immer wird jedoch die Bryonia-Charakteristik ‚ÄúVerschlimmerung durch leichteste Bewegung‚ÄĚ vorhanden sein (der Patient wird aus Schmerz nicht Schlucken k√∂nnen).

Dysfunktionen der PNEI-Achse

R√ľckschl√ľsse auf die Art der Dysfunktion k√∂nnen am leichtesten √ľber Indikatoren der PNEI-Achse gewonnen werden wie z.B. (in Klammer das dysfunktionelle System):

¬† ¬†¬†¬† Modalit√§ten (Reaktion auf Hitze, K√§lte, L√§rm, Bewegung …) (N),

      Appetit und Durst-Verhalten (NE),

      Verlangen und Abneigungen (PNE),

      Schlaf und Träume (PN),

      Schweiß-Verhalten (N),

      Sexual-Verhalten und Menstruations-Charakteristika (E, PN),

        Infektionsneigung, Allergiebereitschaft (I).

      usw [4]

Auch eigent√ľmliche (¬ß153) Symptome sind meist direkte Hinweise auf PNEI-St√∂rungen und fast immer finden sich Eigenheiten lokaler Erkrankungen in √úbereinstimmung mit der zentralen St√∂rung (einer Dysfunktion der PNEI-Achse).¬†

Zur Strategie der Mittelfindung

Um das Wesen einer zentralen St√∂rung erfassen zu k√∂nnen, mu√ü man daher vor allem deren Indikatoren, das sind Geistes/Gem√ľts-Symptome (GG-Symptome), die Allgemeinen-Symptome und die Charakteristischen Symptome, im Repertorium aufsuchen.

Erst dann und eher aus ‚ÄúNeugier‚ÄĚ, werden wir nachschlagen, ob das gew√§hlte Mittel auch die Lokal-Erkrankung beinhaltet ( 16 , S. 38).¬† Ausgenommen sind jene Mittel, bei denen zuwenig √ľber die PNEI-Symptome bekannt ist und nur einige charakteristische Lokalsymptome bekannt sind.

Zur Mittelwirkung bei einer Arzneimittelpr√ľfung

W√§hrend einer Pr√ľfung produziert ein Mittel eine Vielzahl von Symptomen, Wahrnehmungen und Modalit√§ten im ganzen K√∂rper, oft sehr deutlich und innerhalb von Minuten bis Tagen.¬† Sobald Symptome vorhanden sind, wird die Mittelgabe gestoppt. Daher k√∂nnen diese Symptome keine Pathologie repr√§sentieren, sondern nur die funktionelle St√∂rung. Die Dyspnoe von Carbo-veg. in der Pr√ľfung wird nicht durch linksventrikul√§re Insuffizienz hervorgerufen, das Gef√ľhl der Konstriktion von Cactus beruht nicht auf einer, f√ľr die Dauer der AMP verbleibenden, schnell auftauchenden, reversiblen isch√§mischen Kardiopathie; gleicherweise war wohl kaum ein Uterus-Prolaps innerhalb weniger Tage w√§hrend der Sepia-Pr√ľfung zu vermelden, sondern all diese Wahrnehmungen beruhen auf einer reinen nerv√∂sen Sensation und repr√§sentieren die funktionelle (zentrale) St√∂rung.

Da hom√∂opathische Mittel nur dynamisch wirken, m√ľssen w√§hrend einer Arzneimittelpr√ľfung neben den lokalen Symptomen vor allem und zuerst auch Symptome des Effektors (PNEI) auftreten. Diese zentrale St√∂rung ist unabh√§ngig von individuellen Organ-Empfindlichkeiten der Pr√ľfer und tritt daher bei jedem f√ľr das Mittel empfindlichen Pr√ľfer in gleicher Weise auf (eine Natr.-mur. St√∂rung mu√ü immer eine Natr.-mur. St√∂rung sein, auch wenn sie lokal wie eine Ign. St√∂rung erscheint).

Das hei√üt, da√ü Indikatoren der PNEI-Achse bei einer Arzneimittelpr√ľfung bei allen Pr√ľfern gleichsinnig ver√§ndert werden [5] . Eine zwingende Folge dieses Gedankens ist die Feststellung, da√ü jenen Rubriken, die die zentrale St√∂rung eines Mittels repr√§sentieren, relativ vollst√§ndig sind und auch bei weiterer Pr√ľfung der Arznei kaum erweitert w√ľrden..

Die Organ-Affinitäten

Die sogenannten Organ-Affinitäten von Mittel haben nichts mit ihrer dynamischen Wirkung zu tun sondern sind Reminiszenzen ihrer toxikologischen Eigenschaften ( 16 , S. 39). So hat beispielsweise die Lokalirritation durch Cantharis viele Autoren dazu angeleitet, den Urethraltrakt als Einflußsphäre des Mittels anzugeben.

Potenziertes Cantharis enth√§lt aber viel zu wenig Arzneisubstanz, um dort irritierend wirken zu k√∂nnen. Ein Effekt kann daher nur durch eine zentrale St√∂rung des Geistes (P), somatisiert durch die drei Effektorsysteme (NEI) auftreten. Denn durch die Verd√ľnnung (Potenzierung [6] ) verlieren Arzneien ihre toxikologischen und lokalen Eigenschaften und entwickeln statt dessen allgemein-dynamisch-funktionelle Wirkungen.

Ein Mittel, das den Gem√ľtszustand und die Allgemein-Symptome abdeckt, nicht aber die Lokalsymptome, hat eine wesentlich gr√∂√üere Wahrscheinlichkeit zu heilen, als eines, das nur die Lokalsymptome beinhaltet und nicht die Geistes- und Allgemein-Symptome ( 16 , S. 48). Ein empirisch oft best√§tigter Grundsatz der Hom√∂opathie.

‚Potenzierte Arzneien haben keine physiologische Wirkung‘

Hom√∂opathische Arzneien sind potenziert und haben, – da sie keine Molek√ľle enthalten – keine physiologische Wirkung. So zeigt Digitalis in pharmakologischer Dosierung die bekannte Herz-Wirkung, nicht aber als Hom√∂opathikum. Dynamisiert bewirkt es ZUERST ein zentrale St√∂rung und anschlie√üend – wenn eine Neigung zur Herzkrankheit besteht – wird es das Herz affizieren. Ist die Leber geschw√§cht wird diese erkranken, ist die Organschw√§che auf der Prostata, wird diese gest√∂rt ( 16 , S. 37).¬†

J.T. Kent schrieb: Digitalis sei eines der besten Prostata-Mittel ( 9 ), jemand anderer, es sei ein gutes Mittel f√ľr Leber-Erkrankungen und Ikterus, ein dritter wieder, ‚ÄúSchwindel bei Hunger ist Digitalis‚ÄĚ !

Zitat Sankaran ( 16 , S. 47): “[potenziertes] Digitalis ist aber weder Schwindel, noch Herzkrankheit noch Leber, noch Lunge oder Milz.

Digitalis, an Pr√ľfern verabreicht, ist eine dynamische St√∂rung.‚ÄĚ

W√ľrde ein Mittel weitergepr√ľft werden, erhielten wir noch viele, viele Lokal-Symptome aber nur mehr wenige zus√§tzliche PNEI-Symptome ( 16 , S. 48).

H√§tten wir die M√∂glichkeit ein Mittel an sehr vielen Pr√ľfern zu testen, w√§re jedes Mittel in jeder Lokal-Rubrik zu finden [7] .

Kalium jodatum wurde nicht an Personen mit vorhandener Vitiligo-Tendenz gepr√ľft, daher ist es nicht als Mittel daf√ľr registriert.¬† Aber als es aufgrund von Geistes– und Allgemein-Symptomen eingesetzt wurde, heilte es.

Wenn ein Mittel einen klaren Gem√ľts- und Allgemein-Zustand (in Pr√ľfern) bewirkt, kann man annehmen, da√ü es, wenn es an daf√ľr pr√§disponierten Personen weitergepr√ľft w√ľrde, auch eine entsprechende Lokal-Erkrankung hervorgerufen h√§tte [8] .

‚Kent legte gro√üen Wert auf die Nicht-Pathognomonischen Symptome‘ ( 10 ), ( 16 , S. 49). Symptome, die nicht zur Pathologie geh√∂ren, m√ľssen die zentrale St√∂rung repr√§sentieren.

Boger lehrte, da√ü alle charakteristischen lokalen (‚Äúungew√∂hnlichen‚ÄĚ) Symptome zu verallgemeinern sind ( 5 , 15 ). Damit werden sie von der lokalen Erkrankung abgehoben und repr√§sentieren Allgemein-Symptome, also die zentrale St√∂rung [9] . Auch Boenninghausen¬īs Concommitantes zur lokalen Pathologie ( 1 , 3 ) sind als direkte Hinweise auf die vorhandene zentrale St√∂rung zu verstehen ( 16 , S. 49).

 

‚Lokale Eigenheiten repr√§sentieren die zentrale St√∂rung und k√∂nnen daher verallgemeinert werden (Boger [10] ), und da die zentrale St√∂rung im gesamten Organismus wirksam ist, finden wir ihre Auswirkungen gleichzeitig (concomitantly [11] ) auch in anderen Bereichen (Boenninghausen); am leichtesten erfassen wir sie jedoch, wenn wir den Geistes- Gem√ľtszustand verstehen (Kent)‘.

Es ist die zentrale Störung die behandelt werden muß und nicht die Pathologie !

Zusammenfassung

Dr. Sankaran bietet uns ein deutliches und verständliches Konzept der dynamischen Arzneiwirkung auf den materiellen Körper, deduziert und synthetisiert aus den Lehren der großen Empiriker und aktuellen schulmedizinischen Vorstellungen [12] zur Körper-Geist Problematik.

Gleichzeitig wird klar, da√ü bei Arzneimittelpr√ľfungen vor allem die Charakteristika der dysfunktionalen PNEI-Achse, die er zentrale St√∂rung nennt, verl√§√ülich und reproduzierbar beobachtet werden, wohingegen lokale Symptome auch und vorallem von den pathologischen Tendenzen der Pr√ľfer abh√§ngen.

Letztendlich w√ľrde daher bei ‚Äúvollst√§ndiger Pr√ľfung‚ÄĚ eines Arzneistoffes jedes Mittel in jeder Lokal-Rubrik stehen, dabei jedoch kaum neue PNEI-Rubriken erhalten, da diese in jedem empfindlichen Pr√ľfer gleichartig sind. Dies legt den Schlu√ü zwingend nahe, da√ü sich die Mittelwahl vorranging auf Symptome der zentralen St√∂rung berufen soll.

Ausblick

In der folgenden Fortsetzung dieses Artikels werden wir uns mit der Dynamik der Krankheit und mit deren Behandlung auseinandersetzen, weiters mit der Natur der Pathologie. Vorallem aber soll das bisher pr√§sentierte Konzept der zentralen St√∂rung mit Hahnemanns Vorstellungen und Aussagen √ľberpr√ľft werden.

 

 

 

Literatur

1 ¬† ¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Allen, T. F.¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Boenninghausen¬īs Therapeutic Pocket Book, B.Jain Publ., New Delhi (Nachdruck 1990), Einleitung von T.F. Allen, S.10 ff.

2 .         Barthel, H.            Synthetisches Repertorium, Haug Verlag, Heidelberg 1973

3 ¬† ¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Boenninghausen C. M. F. von¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Therapeutisches Taschenbuch f√ľr Hom√∂opathische √Ąrzte zum Gebrauche am Krankenbette oder beim Studium der reinen Arzneimittellehre, Nachdruck der Ausgabe 1846, LIETH Verlag, Hamburg 1991, Vorwort

4 ¬† ¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Boger, C. M.¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Addition to Kent¬īs Repertory, im Nachdruck bei Indian Book & Periodicals Syndicate, New Delhi

5 ¬† ¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Boger, C. M.¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Boenninghausen¬īs Characteristics and Repertory, im Nachdruck bei Indian Book & Periodicals Syndicate, New Delhi

6 .            Boyesen, G.            Über den Körper die Seele heilen , Kösel 1985

7 ¬† ¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Dellmour, F.¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Entwicklung der Potenzierung bei Samuel Hahnemann, HI√Ė 3 (1992), S. 132-144

8             Gypser, K.-H.            Der Zustand der homöopathischen Materia Medica, KHZ 36 (1992), S. 3-10

9             Kent, J. T.            Lectures on Homoeopathic Materia Medica (1904), Nachdruck bei Indian Books & Periodicals Syndicate, New Delhi, S. 453

10           Kent, J. T.            Lectures on Homoeopathic Philosophy, (5th ed. Chicago 1954), Nachdruck bei Indian Books & Periodicals Syndicate, New Delhi

11 .       Lowen, A.            Bioenergetik, Rowohlt TB Verlag, Reinbeck 1965
            Der Verrat am Körper, Rowohlt TB Verlag, Reinbeck 1967

12 .       Mezger, J.            Gesichtete Homöopathische Arzneimittellehre, Haug Verlag, Heidelberg 1951 S. 1158

13 .       Reich, W.            Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB Verlag, Frankfurt 1938
            Der Krebs, Fischer TB Verlag, Frankfurt 1971

14 .       Ringel, E., Kropiunigg, R.            Medizinische Psychologie, Facultas Verlag, Wien 1988 S.155 ff.

15 ¬† ¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Sankaran, P.¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Introduction to Boger¬īs Synoptic Key, The Homoeopathic Medical Publ., Bombay 1971

16 .            Sankaran, R..             The Spirit of Homeopathy, Eigenverlag, Bombay 1991

 

Anschrift des Autors:

Helmut Retzek (cand.med.)

Gablenzgasse 17/24

A-1150 Wien / √Ėsterreich

FAX (+43-1-) 9853068

 



[1] diese Arbeit versteht sich als zusammenschauende Literaturarbeit. Zitate aus ( 16 ) wurden auf ihre Richtigkeit in den Orginalquellen √ľberpr√ľft und diese referenziert. Sollte dies nicht m√∂glich gewesen sein wird das Zitat durch Klammerung mit einfachen Anf√ľhrungszeichen (‚…‘) als nicht√ľberpr√ľftes (Sekund√§r-) Zitat gekennzeichnet und auf die Sekund√§rquelle ( 16 , Seitenzahl) zur√ľckgef√ľhrt. Diese Vorgangsweise wird f√ľr alle Artikel dieser Serie beibehalten.

 

[2] diese Aussage wird verständlich im Wissen, daß sich der Großteil aktueller indischer homöopathischer Literatur auf Leitsymptome beschränkt

 

[3] ein faszinierendes Dokument der Entdeckungs- und Entwicklungsreise eines immer wachen, beobachtenden und forschenden Geistes finden interessierte Leser in Gerda Boyesen, √úber den K√∂rper die Seele heilen, Biodynamische Psychologie und Psychotherapie ( 6 ), wo grundlegende Erkrankungs- und Heilungsgesetze empirisch ‚Äúwiederentdeckt‚ÄĚ und in einfacher Diktion der Psychologie formuliert werden.

 

[4] es handelt sich offensichtlich um jene Rubrik-Gruppen, die in den 3 Bänden des Synthetischen Repertoriums ( 2 ) zusammengefaßt sind

 

[5] eine Aussage, die der Autor als AMP-Leiter vollinhaltlich bestätigen kann

 

[6] ein äußerst interessanter Beitrag zur Entwicklung der Potenzierung bei Hahnemann siehe Friedrich Dellmour ( 7 ). Kurz: Hahnemann empfahl ab 1835 alle Arzneirohstoffe bis zur C3 zu triturieren und gab das Potenzieren aus Urtinkturen bzw. Lösungen auf.

 

[7] zB. die Symptome von Platin wurden vorallem an nur einer einzigen Pr√ľferin erhoben ( 12 , S.1158)

 

[8] kann man diese Aussage anerkennen, relativierten sich in gewisser Weise die derzeit unternommenen Versuche einer endg√ľltigen, genau dokumentierten und referenzierten ‚Äúkompletten Enzyklop√§die aller Pr√ľfungssymptome‚ÄĚ (wiewohl das Ergebnis dieser Arbeit dringend erwartet wird) ( 8 ).

 

[9] sowohl im Vorwort von Boger¬īs Synoptic Key als auch in der Einleitung zu Boenninghausen¬īs Therapeutisches Handbuch wird diese Vorgehensweise als wesentlich f√ľr die Mittelwahl bezeichnet. Weiters basieren das Repertorium von Phatak und schlie√ülich das Repertorium von P. Sankaran, dem Vater von Rajan Sankaran, darauf.

 

[10] Rajan Sankaran weist auf den Vorteil dieser Technik hin bei den sogenannten ‚ÄúSmall Remedies‚ÄĚ, die meist nur als spezielle Lokal-Mittel eingesetzt werden. Berberis vulgaris mit Schmerz, von einem kleinen Punkt radi√§r ausstrahlend wird fast ausschlie√ülich bei Nierenerkrankungen angewendet, obwohl diese, die zentrale St√∂rung charakterisierende Eigenheit bei anderen Leiden mit solcher Schmerzcharakteristik sehr hilfreich sein k√∂nnte ( 16 , S.76).

 

[11] Rajan Sankaran betont diesen Punkt ( 16 , S.75) als besonders kennzeichnend f√ľr die zentrale St√∂rung, da es sich um reine nerv√∂se Sensationen handeln mu√ü.

 

[12] konzeptuelle √úbereinstimmung mit der NLP wird im Teil 4 (Delusion) behandelt.

publiziert: Rajan Sankaran und die Situational Materia Medica – eine Einf√ľhrung, Teil 1; AHZ; 239; 3/94; 100

 

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