„Der Standard“ vom 26.11.2012 Seite: 19 Von: Karin Pollack Bundesland, Bundesland Abend
Weltanschauung in K√ľgelchen
An der Med-Uni Wien fand das Symposium ‚ÄěHom√∂opathie und Wissenschaft‚Äú statt. Die
Abgrenzung zur Schulmedizin dominierte, aber es gab Beispiele, wie sich das Beste zweier
Welten vereinbaren ließe.
Die Aufregung in den deutschen Medien war programmiert. Die Hom√∂opathie-L√ľge – So gef√§hrlich
ist die Lehre von den wei√üen K√ľgelchen (Piper-Verlag) hei√üt ein neuer Buchtitel, verfasst von
der Stern-Journalistin Nicole Heißmann und dem Biologen Christian Weymayr, der eine alte
Diskussion wieder hochkochen l√§sst. ‚ÄěSchulmedizin gegen Hom√∂opathie‚Äú lautet das Match,
und es wird auf mehreren Ebenen ausgefochten. Am vergangenen Wochenende konnten sich
Studierende der Med-Uni Wien am Symposium ‚ÄěNicht Glauben, sondern Wissen(schaft)‚Äú im
H√∂rsaal 3 des Wiener AKH einen Eindruck √ľber die Vielschichtigkeit der Auseinandersetzung
machen.
Dass hier Weltanschauungen aufeinanderprallen, war den Teilnehmern vom ersten Vortrag
an klar. ‚ÄěIch bin hier, um mir ein Bild √ľber Hom√∂opathie zu machen, man wei√ü zu wenig
davon“, meinte eine junge Studierende, um dann in den Diskurs um wissenschaftliche Methodik,
menschliche Wahrnehmungskapazität und die unterschiedlichen Schlussfolgerungen daraus
einzutauchen.
Dar√ľber, dass Hom√∂opathen forschen, ihre Beobachtungen systematisieren und an
andere weitergeben, besteht kein Zweifel. In seinem Einf√ľhrungsvortrag pr√§sentierte der
Allgemeinmediziner und Homöopath Fritz Dellmour die Datenlage. 705 Studien an Menschen,
302 Studien der Veterinärmedizin und 1750 experimentelle Studien sind in den Datenbanken
erfasst. Homöopathen organisieren Weiterbildungsveranstaltungen, publizieren. Zu den großen
Handicaps z√§hlt der Mangel an finanziellen Ressourcen, die ihnen dabei zur Verf√ľgung stehen.
Warum sich Homöopathen und Schulmediziner so gar nicht verstehen, liegt in der
unterschiedlichen wissenschaftlichen Methodik begr√ľndet. F√ľr die Schulmedizin gelten allein
statistische Mittelwerte, die in aufwändigen, placebokontrollierten Studien gewonnen werden.
Evidenzbasierte Medizin ist der Schl√ľsselbegriff. Untersucht werden – im Hinblick auf Eindeutigkeit
– monokausale Zusammenh√§nge: Ein Wirkstoff f√ľhrt zu einer erw√ľnschten Wirkung, das ist das
Ziel.
Allein schon, dass die Hom√∂opathen Wirkstoffe in so stark verd√ľnnter Form einsetzen, dass
sie nicht mehr nachweisbar sind, bringt die Skeptiker in Rage, abgesehen davon lassen
Schulmediziner aber auch die vielen Einzelbeobachtungen in der Homöopathie nicht als Beweis
f√ľr eine Wirksamkeit gelten.
Jagd auf Evidenz
‚ÄěEine gewisse klinische Wirksamkeit der Hom√∂opathie ist unumstritten‚Äú, stellte Klaus Linde von
der Technischen Universit√§t M√ľnchen klar. Der Mediziner und Epidemiologe befasst sich seit
vielen Jahren mit der Effektivität von naturheilkundlichen Methoden und ihrer Nachweisbarkeit.
Mit dem Placeboeffekt hat er sich ausf√ľhrlich auseinandergesetzt. Genau darin – n√§mlich in
der ausf√ľhrlichen Anamnese und Betreuung durch einen hom√∂opathischen Arzt – vermutet die
Schulmedizin n√§mlich auch die Wirkung, und nicht in den wei√üen K√ľgelchen. Im etablierten
System der Schulmedizin wird √Ąrzten die Zeit f√ľr Patienten nicht mehr gezahlt. Jedenfalls ortet
Linde vier gro√üe Gruppen von Akteuren in der Diskussion: Neben den orthodoxen Bef√ľrwortern
beider Lager gebe es zunehmend auch solche mit einer Restunsicherheit, die sich der jeweilige
Gegenseite nicht vollkommen verschließen.
√Ėsterreichische √Ąrztekammer Pressespiegel
Copyright: APA DeFacto Gmbh – Seite 12
Michael Frass, Intensivmediziner an der Med-Uni Wien, ist einer von ihnen. Er präsentierte
eine Studie, in der er zeigen konnte, dass eine zusätzliche Behandlung mit homöopathischen
Medikamenten die √úberlebenschancen von Patienten mit schwerer Sepsis um 25 Prozent
erhöhte. Die Patienten waren bewusstlos, was den Placebo-Effekt relativiert, präzisierte er, doch
‚Äědie Grenzen zwischen konventioneller und hom√∂opathischer Medizin sind zu beachten‚Äú, betonte
er und pl√§dierte f√ľr eine ausgewogene, keinesfalls fanatische Hom√∂opathie.
Eine differenzierte Betrachtung ist auch das Credo am Institut f√ľr Sozialmedizin und Epidemiologie
der Berliner Universitätsklinik Charité, wo man Wert auf Methodenpluralität legt und neben
placebokontrollierten Studien auch Outcome- und Versorgungsforschung anwendet, die die
Wirklichkeit in der allt√§glichen Versorgung in Arztpraxen widerspiegelt. ‚ÄěWer definiert, was Wissen
ist und was als Wirklichkeit betrachtet wird?“ fragte Michael Teut die Studierenden im Auditorium
des Wiener AKH. Teut ist Schulmediziner, definiert sich aber als offen f√ľr andere Denkkonstrukte.
Konkret stellte er in Wien eine vergleichende Beobachtungsstudie zur Effektivität der Therapie
von Atopischer Dermatitis bei Kindern vor: zwischen Homöopathie und Schulmedizin gab es, was
die Ergebnisse betrifft, kaum Unterschiede.
Frage der Kosten
‚ÄěHom√∂opathie innerhalb der gesetzlichen Krankenkassen ist kosteng√ľnstiger‚Äú, berichtete
Homöopath Klaus von Ammon von der Universität Bern. In der Schweiz gibt es Homöopathie
auf Krankenschein, zwischen 1999 und 2006, zeigen Studien, hat diese komplementäre
Behandlungsform nur 0,5 Promille der Gesundheitskosten ausgemacht. Homöopathische
Haus√§rzte arbeiteten zudem um 15 Prozent kosteng√ľnstiger als ihre Kollegen. Ob sich
Hom√∂opathie f√ľr alle Krankheiten eignet? ‚ÄěNein, bei Krebs oder operativ zu l√∂senden Problemen
nicht, aber in der Kinderheilkunde, bei Allergien und Hautproblemen erzielen wir gute Ergebnisse“,
so Ammon.
Klaus Linde thematisierte auch die weltanschauliche Komponente: ‚ÄěWer gr√ľn w√§hlt, geht lieber
zum Homöopathen“, sagt er, das sei Faktum. Die Schulmediziner wiederum treten an, um die
hehre Wissenschaft gegen Andersdenkende zu verteidigen. Insofern ist der Disput politisch und
wird – vielleicht auch zu Ungunsten von Patienten – weitergehen

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